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Reisen als einzige Medizin

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Meine Gedanken hätten mich fast umgebracht. Zumindest fühlte es sich so an.
Wenn man tagtäglich von einem Menschen unterdrückt wird, bleibt man irgendwann liegen. Weil die Kraft fehlt, um sich zu wehren. Um etwas dagegen zu tun.
Ich war dieser Mensch.
Dieser Mensch, der mir das Leben schwer gemacht und mir eines ganz klar ins Gesicht gesagt hat: “Weißt du, dass ich dich hasse? Dass du einfach nicht genug bist und es nie sein wirst.”
Ich wusste es.
Ich dachte es.
Es war ein Teil von mir, nicht genug zu sein.

Ich habe Wochen, Monate, Jahre mit diesem Unglück im Kopf verbracht und mich daran gewöhnt.
Irgendwann merkt man nicht mehr, dass man traurig ist, weil es normal wird.
Man weiß nicht, wie sich Glücklichsein anfühlt, weil man im Unglück sein Zuhause gefunden hat.
Ich habe mir selbst so weh getan.
Hatte immer zu viele Gedanken im Kopf, die mich zweifeln ließen.
Unglück macht einsam.
Unglück macht verrückt.
Es treibt einen in den Wahnsinn und lässt dich glauben, dass auch alle anderen gegen dich sind.
Es macht paranoid.
Weil ich dachte, dass die Leute mich komisch ansehen.
Mich insgeheim nicht mögen und hinter meinem Rücken Voodoo-Puppen mit meinem Gesicht drauf verbrennen.
Unglück macht krank.
Bis man seinen Reisepass in die Hand nimmt und plötzlich ein anderer Mensch ist.
Ein Mensch, der Träume hat.
Ein Mensch, der gerne lacht.
Ein Mensch, der zu beschäftigt mit den schönen Momenten ist und deshalb gar nicht schlecht denken kann.

“Reisen hat mich gerettet.”

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Es hat mir gezeigt, dass es auch anders sein kann und ich mich nicht so fühlen muss.
Sicher klingt es kitschig, aber das ist auch okay. Aber wenn ich reise, bin ich eine andere Person. Die Person, zu der ich in den letzten Wochen immer mehr werde.
Ich traue mich aus meiner Komfortzone.
Ich kann meine Gedanken besser kontrollieren und denke positiver, als ich es je für möglich gehalten hätte.
Unterwegs habe ich selten schlechte Momente.
Zuhause hatte ich sie ständig. Immer wieder, immer öfter.
Wahrscheinlich, weil ich da plötzlich Zeit hatte, wieder viel zu viel zu denken.
Sobald ich im nächsten Flugzeug sitze, auf einen Bus in die Ferne warte oder im Zug aus dem Fenster starre, ist das anders.
Dann denke ich an all die Dinge, die ich an diesem fremden Ort sehen werde.
Wo ich Fotos machen kann oder ob ihr ein Mietauto brauche.
Dann bin ich plötzlich zu beschäftigt. Zu beschäftigt damit, zu leben.
Zu genießen, zu lachen, zu sein.
Reisen hat mich gerettet.
Reisen hat mir gezeigt, wie ich sein möchte und dass ich es tatsächlich schaffen kann.
Langsam, manchmal sehr schleppend, werde ich zu dieser Person, die ich auf Reisen bin.
Zu diesem lachenden Sonnenschein, der die Welt ein kleines Bisschen besser machen will.
Weniger paranoid, weniger traurig.

Reisen als einzige Medizin.
Ohne Nebenwirkung, weil man nur gewinnen kann.
Ich denke anders.
Ich denke besser.
Über mich selbst, über andere, über Probleme, die wie Steine auf meinem Wanderweg rumliegen.
Einfach, weil ich diese Person sein will, die auf Reisen immer so viel Spaß hat und so glücklich ist.
Egal wo ich bin.
So nah war ich diesem Ziel bisher noch nie.
Und bisher wusste ich nicht, wie schön es ist, wenn man glücklich ist.
Ich bin aus dem Haus des Unglücks ausgezogen und suche neuen Unterschlupf.
Wer weiß, wo die Reise hingehen wird.

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One comment

  1. Hallo Kat,
    tolle Beitrag. Reisen ist wahrlich eine fantastische Möglichkeit, aus dem Trott auszubrechen. Ich versuch auch immer wieder von Zeit zu Zeit die Kraft zu packen und ein bisschen raus aus dem Alltag zu kommen. Da bieten sich viele Gelegenheiten zum Reflektieren, Spüren und natürlich auch Fotografieren.
    Liebe Grüße Micha