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Theater Diary: The Art of Living – Kapitel 4

Kapitel 4

Ich hyperventiliere.
Das Atmen zerreißt mir fast die Lunge.
Was macht er in Dublin?
In diesem Pub?
Warum hält er meine Tasche und wie hat er mich gefunden?
“Kira, beruhige dich.” Das ist nicht seine Stimme. Felix klingt ganz anders, oder? Ich habe es vergessen.
Mir dreht sich der Magen um. Meine Finger krallen sich an dem Waschbecken neben mir fest.
Wo bin ich eigentlich?
Mir wird übel. Ich drehe den Kopf und erbreche in das weiße Porzellan.
“Das wird schon wieder.” Jemand hält mir einen Eisbeutel an die Stirn. Mittlerweile bin ich mir fast sicher, dass es nicht Felix ist. Aber bei dem Gedanken, dass er wirklich hier sein könnte, wird mir wieder schlecht.
Ich bin nicht in ein Flugzeug nach Dublin gestiegen, um meinen Ex hier zu treffen.
Ich habe nicht das Land verlassen, damit er mir beim Kotzen zusieht.
“Hier. Trink ein bisschen Wasser.”
Die ganze Situation ist so bizarr und ich kann mein Hirn nicht sortieren. Vor meinen Augen taucht ein Glas mit klarer Flüssigkeit auf. Ich bin so verzweifelt, dass ich die Sorge ignoriere, man würde mich vergiften wollen und leere das Glas in einem Zug.
“So ist’s gut.”
Der Nebel über meinen Augen zieht sich zurück und ich blinzle bemüht, um endlich zu verstehen, was gerade los ist. Da sehe ich ihn in der Ecke sitzen. Mit einem rotkarierten Hemd und einem schwarzen Nasenpiercing. Seine blonden Haare sind nach hinten gegelt und um seinen Hals hängt eine Münze. Das ist nicht Felix. Kurz weiß ich nicht, ob ich enttäuscht oder erleichtert sein soll. Das ist Collin, der Barkeeper mit dem Miles vorhin an der Bar geflirtet hat. Dessen Bruder auch im Theaterclub Mitglied ist.
“Wieder besser?”, fragt er mich besorgt und kratzt sich am Hals. Helle Bartstoppeln tanzen wie Sterne über Kinn und Wangen.
“Ich…ich denke schon.” Mein Orientierungssinn ist immer noch im Eimer, aber zumindest kehrt meine Erinnerung allmählich zurück.
“Wo ist Miles?”
“Der ruft euch gerade ein Taxi und holt Bargeld vom Automaten.”
“Es tut mir so leid, Collin. Ich habe in dein Waschbecken gekotzt.”
Er lacht und kurz verwirrt mich seine Reaktion. Damit habe ich nicht gerechnet.
“Keine Sorge. Meinem Bruder ist das schon dreimal passiert. Das Waschbecken hat also schon Schlimmeres gesehen.”
“Deinem Theaterbruder?”
“Hey, du erinnerst dich ja an etwas. Dann geht es dir wohl wirklich wieder besser.”
Ich nicke. Langsam, um meinen Körper nicht zu verärgern. “An meinem ersten Abend in Dublin wollte ich eigentlich nicht so abstürzen. Genau genommen wollte ich gar nicht abstürzen. Aber ich sehe es mal als eine Art Generalprobe für meine Zeit hier.”
Collins Blick umarmt mich. Erst jetzt fällt mir auf, dass seine Augen aus einem dunklen Graublau sind. “Kira? Wer ist Felix?”
Ich schlucke. Also habe ich das tatsächlich laut gesagt.
“Das ist eine etwas längere Geschichte, die ich dir wohl mal erzählen sollte, wenn ich nüchtern und zurechnungsfähig bin.”
Er nickt und lächelt.
Wie aufs Stichwort kommt in diesem Moment Miles zur Tür rein und rümpft die Nase. “Alles klar, kleine Schnapsdrossel. Dann bringen wir dich mal nach Hause.”
Mit Collins Hilfe erhebe ich mich von meinem Platz am Waschbecken.
“Danke Collin. Wirklich!”
“Keine Ursache. Ich habe mich gut amüsiert.”
Ich winke ab.
“Miles, gib dem Mann bitte Trinkgeld. Das hat er sich verdient, nachdem ich ihm das Bad vollgekotzt habe.”
“Da hast du allerdings Recht. Du riechst wie ein Bahnhofsklo, Kira!”
An mehr kann ich mich von diesem Abend nicht erinnern. Nur dass Collin Miles seine Nummer gegeben hat. “Für Notfälle.”, meinte dieser zwinkernd.
Am nächsten Tag wache ich in meinem neuen Bett mit der Blumenbettwäsche auf. Neben mir steht eine Tasse Tee, lauwarm, und das Fenster ist offen.

Ich habe hämmernde Kopfschmerzen erwartet, aber stattdessen ist mir nur ein wenig schwindlig. Die Zimmertür ist nur angelehnt und ich höre Miles in der Küche summen.
Da hat aber jemand gute Laune.
Wie eine alte Frau ächzend stemme ich mich aus dem Bett hoch. Es kommt mir vor, als wäre ich über Nacht dreißig Jahre gealtert. Jeder Knochen in meinem Körper scheint gebrochen zu sein. Oder zumindest müde.
Kaum stecke ich den Kopf nach draußen, fängt Miles meinen Blick mit seinen Augen auf.
„Guten Morgen Sonnenschein. Die Welt sagt Hallo.“ Nur er würde nach so einer Nacht Willy Wonka zitieren.
„Es riecht nach Pancakes.“, murmle ich und sehe mich hoffnungsvoll in der Küche um. Tatsächlich steht ein voller Teller neben dem Kühlschrank und mein Herz setzt einen Schlag aus.
„Da dein Absturz heute Nacht hauptsächlich meine Schuld war, wollte ich dir eine kleine Freude machen. Hätte ich gewusst, dass du keinen Alkohol verträgst, hätte ich dir Kindersekt besorgt.“
„Du bist so süß. Aber ich hätte auch einfach selbst besser aufpassen können. Im Gegensatz zu dir ist mir meine Alkoholunverträglichkeit durchaus bewusst.“
„Auch egal. Setz dich erstmal und überzeuge dich von meinen Kochkünsten. Eigentlich ist es schon fast unfair, dass ich so gut aussehe und gleichzeitig so vielseitig begabt bin.“
„Wie habe ich deine Bescheidenheit vermisst.“
Für die nächste halbe Stunde erfüllt unser Lachen die weiß-blaue Küche und ich muss mich nur zweimal fast übergeben, was ich als Katersieg verbuche.
Teigreste kleben in der Pfanne und ein kaputtes Ei liegt neben dem Mülleimer. Früher wären mir solche Kleinigkeiten nicht einmal aufgefallen. Ich hatte einfach kein Auge für Details und habe nur das große Ganze betrachtet. Mir wird von Minute zu Minute mehr bewusst, wie sehr ich mich in den letzten Jahren verändert habe. Wie anders diese Kira ist, die gerade an einem Holztisch in Dublin sitzt.
„Ich glaube, ich lasse mir die Nase piercen.“, verkünde ich und steche das letzte Stückchen Pancake mit der Gabel auf. „Collin sah damit so cool aus, das hat mich inspiriert.“
Miles verschluckt sich beinahe und schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. „Das ist die beste Idee, die du je hattest.“
Vor allem ist es eine Idee, welche die alte Kira nie gehabt hätte. Deshalb gefällt sie mir auch umso besser.


Theater Diary ist eine Online-Geschichte, die ich auf meinem Blog kostenlos zur Verfügung stelle. Sie handelt von einer jungen Frau aus London, die nach Dublin fliegt, um dort neu anzufangen. Ich möchte diese Plattform wieder mehr für das Schreiben nutzen und genau solchen Texten die Chance geben, gelesen zu werden. Jeden Sonntag kommt ein neues Kapitel online. Es wäre wirklich schön, wenn du mich in meiner Arbeit unterstützen würdest und Kira auf ihrer Reise begleitest.

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Photo by Elora Allen on Unsplash

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