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Theater Diary: The Art of Living – Kapitel 3

Kapitel 3

Miles stellt mir einen Teller Spaghetti mit Pesto vor die Nase. Die letzten zehn Minuten habe ich ihm schweigend dabei zugesehen, wie er fast die Pasta hat anbrennen lassen und schimmlige Tomatensoße in den Abfluss gekippt hat. Nach dem ersten Nervenzusammenbruch hat er dann noch Pesto im hinteren Regal gefunden und die Welt hatte ihre Farben zurück.
„Lass es dir schmecken.“, sagt er mit einem breiten Lächeln und rollt die ersten Spaghetti auf seine Gabel.
Für Miles ist es eine große Sache für jemanden zu kochen. Denn eigentlich wagt er sich die meiste Zeit nur in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Deshalb schätze ich seine Geste umso mehr und fühle mich willkommener, als die letzten Monate in meiner eigenen Wohnung.
Nach dem Essen scheucht Miles mich in mein Zimmer für die kommenden Monate. Seine Mitbewohnerin ist vor zwei Wochen ausgezogen und als ich ihm erzählt habe, dass ich nach Dublin komme, hat er das Zimmer für mich freigehalten.
Es ist so groß wie ein Puppenhaus, mit hellbraunem Parkettboden und einem Fenster am Ende des Zimmers. Darunter steht ein graues Boxspringbett mit weißer Bettwäsche. An den kahlen Wänden hängt bislang nur ein Foto: ein Selfie von mir und Miles aus Nizza.
„Ich dachte, das macht es gleich viel gemütlicher.“
Es macht es vor allem realer. Dass ich wirklich hier bin.
In Dublin. Mit Miles.
„Gefällt es dir? Sarah hat dir das Bett dagelassen, weil sie es nicht mehr brauch. Die Bettwäsche mit den Blümchen habe ich ausgesucht.“
Erst jetzt sehe ich die kleinen rosa Blüten auf dem weißen Stoff.
„Es ist wundervoll.“ Meine Stimme ist so leise.
Ich bin verliebt. In einen leeren Raum.
Weil ich es vor mir sehen kann, was ich hier alles erleben werde. All die Geschichten, die dieses Zimmer zu erzählen hat und noch erzählen wird.
Ich sehe mich auf dem Bett sitzend, an einer neuen Geschichte schreibend.
Ich sehe mich am Fenster stehen und Dublin beim Leben zusehen. Nur durch eine Scheibe Glas getrennt.
Ich sehe Miles und mich beim Aufhängen meiner Bilder und beim Scrabbles spielen danach.
Ich sehe mich nachts schlaflos auf der weißen Blumenbettwäsche liegen, wie ich nach einer Sternschnuppe Ausschau halte. Obwohl ich gar keine mehr brauche.
Das ist mein Zimmer.
Ich bin angekommen.
In diesem Moment lasse ich den Gedanken an Felix endgültig los.
So lange hat er mich verfolgt. Die letzten Monate hatte er einen Fixplatz in meinem Kopf. Eine Reservierung ohne Ablaufdatum.
Das hat es gebraucht. Einen kompletten Tapetenwechsel, das Land zu verlassen und wegzugehen. Und jetzt trennen uns 329 Meilen und die Irische See.
Er gehört nicht mehr zu meinem Leben, genauso wie ich nicht mehr zu seinem gehöre.
Gerade finde ich das gar nicht mehr so schlimm.
Gerade finde ich das sogar ziemlich gut.

Miles ist der Meinung, dass mein erster Abend in Dublin legendär werden muss. Es ist Mittwoch, 19Uhr, aber das bringt ihn nicht von seiner Idee ab, auf meine Ankunft anzustoßen.
Mein erster Abend hier soll den Grundstein für die restliche Zeit legen.
Deshalb sitzen wir jetzt im Padraig Pearse und trinken Bier aus Gläsern, die größer sind, als mein Kopf.
Im Hintergrund läuft Richard Thompson’s Beeswing und es riecht nach Pommes.
Da wir keinen Tisch mehr bekommen haben, sitzen wir direkt an der Bar und Miles flirtet mit dem Kellner. Ich flirte nur mit dem Boden meines Glases, den ich nach meinem letzten Schluck wieder sehen kann.
Ich vertrage keinen Alkohol.
Das war erst mein zweites Bier, aber um meine Gedanken tanzt schon bunter Nebel.
„Kira! Das glaubst du nicht! Collins Bruder ist in meinem Theaterclub.“
Miles studiert Theaterwissenschaften und hat beschlossen, in diesem Semester der Theatergruppe der Uni beizutreten. Die Schauspielerei ist seine große Liebe und die letzten Monate hat er sich bei so ziemlich allen Agenturen in Dublin vorgestellt. Bei einer haben sie ihn sogar direkt in die Kartei aufgenommen. Er hat mich an diesem Tag weinend angerufen. Eine Woche später bekam er die Zusage für den Theaterclub und seither erzählt er jedem, den er länger als fünf Minuten kennt, wie sehr er sich darüber freut und ob sie mal zu einer Aufführung kommen wollen.
„Die Welt ist ein Dorf.“, sage ich lachend und schüttle den Kopf. Collin, der Kellner, mustert mich besorgt.
Wie bin ich so schnell so dicht geworden? Vor meinen Augen tanzen Lichter im Kreis und ich will sie fangen. Sie lassen mich aber nicht.
Ich kichere.
„Kira, ist alles okay bei dir?“
Würde ich mich nicht gerade darum bemühen, nicht vom Stuhl zu fallen, hätte ich die Frage lächerlich gefunden. Aber leider setzt in diesem Moment die Schwerkraft wieder ein und ich rutsche von dem roten Ledersitz.
Meine Hand landet auf den kalten Fliesen. Die Welt ist so still geworden.
Irgendwo in der Ferne springt Miles von seinem Barhocker und kniet sich zu mir. Nimmt meine Hand, streicht mir die Haare aus dem Gesicht.
Collin kommt hinter der Bar hervor, sagt irgendwas zu Miles.
Jemand hebt mich hoch.
Es wird immer wieder alles schwarz. Als wäre der Filmstreifen in meinem Kopf kaputt.
Kaltes Wasser läuft meinen Hals hinunter und ich schmecke ein paar Tropfen davon auf meinen Lippen.
Jemand hält mir einen Eisbeutel an die Schläfe.
Die Erde bebt und ich drehe mich im Kreis.
„Das wird schon.“, höre ich eine Stimme flüstern.
Mir wird schlecht. Nein, alles gut.
Ich nehme einen tiefen Atemzug und mache dir Augen auf.
Mein Herz bleibt fast stehen.
„Felix?“, krächze ich und meine Hand hält sich hilflos am Saum meines Pullovers fest.


Theater Diary ist eine Online-Geschichte, die ich auf meinem Blog kostenlos zur Verfügung stelle. Sie handelt von einer jungen Frau aus London, die nach Dublin fliegt, um dort neu anzufangen. Ich möchte diese Plattform wieder mehr für das Schreiben nutzen und genau solchen Texten die Chance geben, gelesen zu werden. Jeden Sonntag kommt ein neues Kapitel online. Es wäre wirklich schön, wenn du mich in meiner Arbeit unterstützen würdest und Kira auf ihrer Reise begleitest.

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Photo by Cassiano Barletta on Unsplash

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