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Theater Diary: The Art of Living – Kapitel 2

Kapitel 2

“Ich glaube, es hat keinen Sinn mehr.”
Selbst nach zwei Jahren, kann ich die Worte wie ein Echo in meinem Kopf hören.
Selbst über den Wolken, auf dem Weg in ein neues Leben, läuft mir die Vergangenheit hinterher.
Wie habe ich diesen Satz damals überlebt? Jetzt kann ich davor flüchten oder einfach meinen Kopf zum Schweigen bringen.
Aber in dem Moment, als die Silben über seine Lippen fielen, blieb ich wie angewurzelt sitzen.
Wir hatten Probleme. Und unterschiedliche Sichtweisen. Wir waren zu verschieden. Aber trotzdem war ich auf dieses Gespräch nicht vorbereitet.
Weiße Zuckerwatte huscht an meinem Fenster vorbei. Stimmt, ich bin nicht mehr in London.
Dem London, wo er mir das Herz gebrochen hat.
Dem London, wo ich mir die Augen aus dem Kopf geweint habe.
Dem London, wo ich zum ersten Mal erlebt habe, was es heißt, wirklich einsam zu sein.
Ich frage mich, ob Dublin es besser mit mir meinen wird. Ob ich dort wieder mehr leben und weniger vegetieren werde.
Er hat geheiratet.
Der Gedanke bricht mir fast das Genick.
Aber es ist gut. Wirklich gut. Weil ich endlich einen Grund hatte zu gehen. Mutig zu sein und mein Nest zu verlassen.
Ich esse Erdnüsse, trinke Wasser und verfolge jede Wolke mit meinem Blick, als würde sie mir die Zukunft verraten.
Als würde sie mir sagen, wie alles von nun an aussehen wird.
Die letzten Jahre zogen an mir vorbei und ich habe auf ein Leben gewartet, das es nicht mehr gab. Ich würde immer noch an der Bushaltestelle sitzen und warten, hätte Miles mir nicht von einem Creative Writing Programm am Trinity College erzählt.
Schreiben ist das Einzige, was mich die letzten zwei Jahre über Wasser gehalten hat. Ich ertrinke lieber in all den Buchstaben und Gedanken, als in meinen eigenen Tränen. Seit Felix und ich nicht mehr zusammen sind, habe ich sieben Kurzgeschichten und ein Buch geschrieben. Aber wenn alle Geschichten nur auf dem eigenen Laptop ihr Dasein fristen, ist einem das irgendwann nicht mehr genug und man versucht langfristig zu denken.
Dublin ist langfristig denken.
Dublin wird mir guttun.
Miles wird mir guttun.
Eigentlich kann ich es kaum erwarten wieder bis 3Uhr morgens mit ihm in der Küche zu sitzen, kalten Tee zu trinken und Szenen aus bekannten Filmen nachzuspielen.
Wie in Nizza.
Nizza war besonders. Als er sich nach dem Mittagessen im Hostel neben mich gesetzt hatte und wissen wollte, ob ich ein Feuerzeug habe.
Hatte ich nicht.
Als er dann lachend den Kopf schüttelte und meinte, er hätte sich ohnehin schon gedacht, dass ich nicht rauche.
Tat ich nicht.
Und als er meine Hand nahm, mir in die Augen sah und fragte, ob ich mit ihm zusammen und einer Flasche Wein an den Strand gehen wollte.
Wollte ich. Wollte ich wirklich.
Wir saßen die ganze Nacht und den halben Morgen im Sand. Zwischen Mitternacht und 1Uhr ging uns der Wein aus. Aber wir blieben trotzdem sitzen. Noch nie in meinem Leben, habe ich so viel mit einem Fremden über das Konzept der Existenz philosophiert.
Bis er mir nicht mehr fremd war und aus ihm ein junger Schauspieler aus Dublin wurde, der sich in meinen Augen verloren hatte, weil sie die Farbe seiner liebsten Jacke haben. Karamellbraun mit goldenen Sprenkeln.

Vor einem Jahr stand er noch im Türrahmen meines Hostelzimmers und hat mir von seiner ersten Theateraufführung erzählt. Er war sieben.
Jetzt steht er ganz hinten, direkt neben dem Starbucks-Eingang. Seine Haare schimmern orange-rot im künstlichen Licht und meine Brust zieht sich zusammen, als mich seine blauen Augen treffen.
Wie habe ich ihn vermisst.
Wie habe ich dieses Lachen vermisst, das so leicht und unbeschwert jeden einfängt und festhält.
Seinen Sinn für Humor, seine Vorliebe für alte Vintage-Shirts, sein Geruch nach Pfirsich und Minze.
“KIRA!”, schreit er über die Köpfe der Wartenden hinweg. Ich muss lachen.
Nur Miles würde mich so herzlich und viel zu laut willkommen heißen.
Erst jetzt sehe ich das Schild in seiner Hand und mir bleibt der letzte Atemzug im Hals stecken.
“Welcome home, Kiki!”
Zuhause. Ich habe mich lange gefragt, wo das eigentlich ist.
Und als ich Miles auf mich zulaufen sehe, das strahlendste aller Lächeln auf den Lippen und mit einem Stück Pappe in der Hand, denke ich mir: vielleicht habe ich es jetzt endlich gefunden.


Theater Diary ist eine Online-Geschichte, die ich auf meinem Blog kostenlos zur Verfügung stelle. Sie handelt von einer jungen Frau aus London, die nach Dublin fliegt, um dort neu anzufangen. Ich möchte diese Plattform wieder mehr für das Schreiben nutzen und genau solchen Texten die Chance geben, gelesen zu werden. Jeden Sonntag kommt ein neues Kapitel online. Es wäre wirklich schön, wenn du mich in meiner Arbeit unterstützen würdest und Kira auf ihrer Reise begleitest.

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2 comments

  1. So ein tolles zweites Kapitel, Kat. Und du hast so recht, manchmal braucht man einfach einen großen Schubs in Richtung Veränderung. Drück dich <3

    1. Danke liebe Sarah! Das freut mich wirklich sehr. <3
      so schön zu hören, dass du so fleißig mitliest.
      Drück dich! 🙂