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Theater Diary: The Art of Living – Kapitel 1

Kapitel 1

Sie hält meine Hand.
Das hat sie das letzte Mal mit 12 gemacht.
Als ich über die Sommermonate mit meiner besten Freundin Carry ins Zeltlager gefahren bin. Sie drückte mit ihren zarten Fingern auf meine Haut und sah mich mit großen Augen an. „Ich will nicht, dass du gehst, Kira.“
„Ich weiß. Aber ich bin ja bald wieder da.“
Damals war es noch anders zwischen uns. Einfacher.Uns trennen alterstechnisch drei Jahre. Manchmal kommt es mir wie viel weniger vor.
Weil sie so schnell erwachsen geworden ist und ich kaum noch hinterherkomme. Ich fühle mich gerade wieder so klein neben ihr. Obwohl ich zwei Zentimeter größer bin.
„Elli, warum ist das so schwer?“
Eigentlich weiß ich gar nicht, warum ich diese Frage stelle. Einfach war es die letzten zwei Jahre schon nicht mehr. Seit meiner Trennung hat sich unser schwesterliches Verhältnis wieder gebessert.
Es gab Zeiten, in denen ich nicht mal mit ihr reden konnte, ohne ihr den Hals umdrehen zu wollen. Aber als Felix vor zwei Jahren den Schlussstrich unter unser gemeinsames Leben gesetzt hat, war sie für mich da. Und das vergesse ich ihr nie.
Jetzt sitzen wir am Flughafen. Elli ist nicht mehr 12 sondern 23 und ich bin in einer Stunde auf dem Weg nach Dublin.
Ich brauche eine Auszeit von London. Von den Menschen und den Erinnerungen. Von dem Leben, dass ich verloren haben und dem, was ich nicht führen will.
Ich brauche eine Pause.
„Alles wird gut.“, murmelt sie und lächelt.
Das hat sie von unserer Mutter.
London hat mir die letzten Monate die Luft abgeschnürt. Als wären die Momente mit Felix auf meiner Brust eingeschlafen und hätten vergessen wieder aufzuwachen.
Felix. Er ist der Grund, warum ich gerade beinahe fluchtartig das Land verlasse.
Letzten Sonntag hat er geheiratet.
Als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Nach zwei Jahren.
Carry hat es letztendlich nicht übers Herz gebracht mich deswegen anzulügen. Ich hätte es ja doch herausgefunden. Irgendwie. Als Cousine der Braut war sie natürlich eingeladen.
Ich saß in meiner Hängematte und schrieb an einer neuen Kurzgeschichte, als sie plötzlich zur Tür reinkam. Klopfen passt nicht zu Carry. Deshalb stand sie wenige Sekunden später vor mir und hielt mir das Handy unter die Nase.
„Bin ich die Einzige, die das krass findet?“ Das ist alles, was sie gesagt hat. Ich nahm ihr das Handy aus der Hand und betrachtete das Bild.
Ein Hochzeitsfoto.
Unter mir schien der Boden wegzubrechen und meine Beine baumelten über den Rand der Hängematte. Hilflos und nach Halt suchend.
Er hat sie geheiratet.
Mit mir wollte er nicht mal zusammenziehen, aber sie hat er geheiratet.
Ich musste mich an diesem Tag dreimal übergeben.
Nachdem ich mir ein letztes Mal die Zähne geputzt habe, dachte ich nur an eines: ich muss raus hier. Ich muss weg. Das Land verlassen.
Und das tue ich jetzt auch. Obwohl ich keine Ahnung habe, für wie lange.
„Ich werde dich vermissen, weißt du?“
Es könnten zwei Wochen sein, aber auch zwei Monate.
Oder vielleicht sechs. Wer weiß das schon so genau.
„Ich dich auch.“, flüstere ich und drücke ihre Hand fester.
Von Mama habe ich mich schon gestern verabschiedet. Sie hasst Abschiede und wir haben es so schnell und schmerzlos wie möglich hinter uns gebracht.
Aber mit Elli ist das etwas anderes.
Mit Elli tut es mehr weh, weil wir es zulassen. Weil wir beide gerne in unseren Schmerz eintauchen und für eine Zeit lang darin wohnen. So wissen wir, dass wir am Leben sind. So wissen wir, wie weit wir zusammengekommen sind und wie weit wir noch gehen werden.
Ich stehe auf. Mir rutscht der Riemen meines Rucksacks von der Schulter.
Mein Koffer steht unbeteiligt neben der Drehtür, ungefähr einen Meter entfernt.
Elli umarmt mich fest und ich vergrabe mein Gesicht in ihrer Strickjacke.
Wer hätte gedacht, dass ich mal wie eine Verbrecherin das Land verlassen würde, ohne zu wissen, wann ich wieder zurückkomme.
Wer hätte gedacht, dass Felix nur zwei Jahre brauchen würde, um jemanden zum Heiraten zu finden und ich mir währenddessen Studiengänge in Dublin ansehe.
Es ist verrückt, wie unterschiedlich die Richtungen sein können, in die man geht. Obwohl man so lange denselben Weg gegangen ist.
„Melde dich, wenn du gelandet bist, okay? Und sag Miles, er soll gut auf dich aufpassen.“
„Versprochen!“
Ich lasse sie los, sehe Tränenspuren auf den Wangen meiner Schwester.
Bevor ich zu meinem Koffer gehe, ziehe ich meinen Rucksack zurecht.
Ich drehe mich nochmal zu ihr um.
Was mache ich hier eigentlich?
Davonlaufen oder weitergehen? Ich bin mir noch nicht so sicher.


Theater Diary ist eine Online-Geschichte, die ich auf meinem Blog kostenlos zur Verfügung stelle. Sie handelt von einer jungen Frau aus London, die nach Dublin fliegt, um dort neu anzufangen. Ich möchte diese Plattform wieder mehr für das Schreiben nutzen und genau solchen Texten die Chance geben, gelesen zu werden. Jeden Sonntag kommt ein neues Kapitel online. Es wäre wirklich schön, wenn du mich in meiner Arbeit unterstützen würdest und Kira auf ihrer Reise begleitest.

Wie hat dir das erste Kapitel gefallen?

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9 comments

  1. Wow, wow, wow – so gut geschrieben, die Geschichte zieht einem sofort in den Bann. Ich freue mich schon auf den nächsten Teil!

    1. Danke liebe Andrea 🙂 das freut mich wirklich sehr!
      so schön zu hören, dass dir das erste Kapitel so gut gefallen hat. Bis zum nächsten Mal hihi

  2. Ich will mehr!!! Unglaublich gut:) Könnte mir jetzt dieses Buch, dein Buch, deine Geschichte, in einer Hängematte liegend und in einem durch lesend, richtig gut vorstellen!

    Freu mich auf das nächste Kapitel:)

    1. Wie sehr mich das freut! Danke Rosa!
      so schön dein liebes Feedback zu lesen & dass dir die Geschichte jetzt schon gefällt. ich freu mich total <3

  3. Wow, der Anfang hat mir super gefallen! 🙂
    Man kann sich gut mit deiner Protagonistin identifizieren und ist gespannt darauf wie es weitergeht und dein Schreibstil ist so toll. Du findest naheliegende, aber nicht schon 1000mal gehörte Vergleiche bei den Gefühlen (z.b “elli und ich tauchen beide gerne in unseren Schmerz ein (…) So wissen wir dass wir am Leben sind”). Das hat mich sehr berührt!

    Ich freue mich schon sehr auf die Fortsetzung(en)
    Liebe Grüße
    Katja

    1. Danke liebe Katja 🙂
      finde ich richtig schön, dass du meinen Schreibstil so magst und dir das erste Kapitel so gefallen hat! <3
      freu mich, wenn du nächsten Sonntag wieder dabei bist 🙂

      liebe Grüße!

  4. Aaaah, wie hab’ ich auf diesen Post hingefiebert! Ich bin schon sehr gespannt, wie es mit Kira weitergeht und freue mich jetzt schon auf das nächste Kapitel 😍

  5. Hi liebe Kat.
    Ein wirklich tolles Kapitel, ich freue mich schon auf das nächste Kapitel. <3 🙂
    LG Carina.

    1. Danke für die lieben Worte, Carina! Das freut mich wirklich sehr. 🙂