Write&Shine-Workshop #1 | Texte und Aufgaben

Write&Shine-Workshop #1 | Texte und Aufgaben

Ich schreibe, um zu fühlen. Um meinen Gedanken eine Stimme zu geben, die sie sonst nicht hätten. Deshalb möchte ich diese Textfragmente von meinem ersten morgendlichen Schreibworkshop mit euch teilen. Um es für euch etwas interessanter zu machen, habe ich die gestellten Aufgaben am Ende des Schnipsels niedergeschrieben und ihr könnt sie ebenfalls ausarbeiten. Es ist nicht nur eine tolle Übung für künftige Texte, sondern auch eine ordentliche Portion Motivation.


Texte & Aufgaben


Die U-Bahn war voll. Genau wie mein Kopf, als ich nach draußen sah. Überall Wolken, die um Gebäude tanzten. Eine einsame Krähe, die auf einer Parkbank ihren Platz fand. Und überall diese Menschen, die ihre Augen dem Licht des Displays verschrieben hatten. Ich sehe sie alle an, frage mich, was sie so dringend finden wollen.

Aufgabe 1: 10 Minuten einfach schreiben. (Ich war spät dran und hatte nur 5 Minuten.)


Das steht sie in der Küche und sieht mich an. Sieht mir direkt in die Augen und sagt damit so viel, obwohl sie kein Wort spricht.
„Du hast mich angelogen.“
Die Worte treffen sie nicht. Sie wusste, dass sie kommen würden.
Bereits Tage zuvor, als ich ihr die Nachricht hinterließ, wusste sie es.
Hat geahnt, dass etwas nicht stimmt.
„Setz dich, Ally.“, sagt sie ruhig, mit dieser Stimme aus Kindertagen.
Ich setze mich nicht. Ich stehe und starre und versinke zwischen meinen Gefühlen.
„Warum hast du nie etwas gesagt? Du hattest so viele Möglichkeiten.“
Ein Kopfschütteln aber keine Antwort.
„Ich gehe sie später besuchen. Ich gehe zu ihr und werde mit ihr sprechen.“
Irgendwo läutet eine Glocke, meine Mutter vergräbt die Hände wieder im Spülwasser und lässt die Vorwürfe darin ertrinken.
Wie würde mein Leben mit Hailey aussehen? Mit dieser fremden Person, in deren Adern mein Blut fließt?
Wir würden zusammen Pizza essen und dem Straßenmusiker an der Ecke zuhören. Sie würde neben mir Platz nehmen, in der U-Bahn oder am Esstisch. Sie wäre einfach da. Bei mir, an meiner Seite.
Und nicht hinter verschlossenen Türen und Gittern an den Fenstern.
„Ally, sie ist ein zerbrochenes, kleines Ding. Sie ist so kaputt und das macht sie gefährlich.“
Gefährlich. So nennt sie meine Schwester, die irgendwo ein einsames Lied summt.
„Ich fahre zu ihr. Heute. Jetzt.“
Mum hält mich nicht auf. Sie weiß, sie kann es nicht. Worte sind sinnlos, also schweigt sie lieber.
Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Viel zu laut, als dass es als Versehen gelten würde. Wie oft hat meine Mutter mich bereits belogen?
Wie viele Geburtstage musste ich alleine feiern, nur weil sie die Wahrheit für nicht erzählenswert hielt.

Aufgabe 2: Nutze in einem Text min. 3 Zeitsprünge bzw -sequenzen



Wann habe ich aufgehört zu funktionieren? Es ist komisch das zu fragen, so ironisch. Wenn ich die Zeit wüsste, wenn mir der Punkt bewusst wäre, müsste ich nicht fragen. Mein Gesicht ist irgendwann im Winter eingefroren.
Meine Arme haben aufgegeben und baumeln träge in der Luft. Kaum geht die Sonne auf, flattern ihre Lider.
Sie wacht auf, steht auf. Alles ohne meine Hilfe.
Meine rosigen Wangen verblassen, werden grau. Ich bin so alt geworden, obwohl ich mich einst so gut gefühlt habe. Sie wirft mir einen mitleidigen Blick zu, als sie die Vorhönge aufzieht. Das Handy auf ihrem Nachttisch piepst vor sich hin. Jeden Morgen überholt sie es. Öffnet die Augen noch bevor es einen Ton sagt.
Ihre weiche Haut trifft auf meine, sie streicht mit den Fingern über meinen Mund. Den Mund, der stumm geworden ist. „Vielleicht heute.“, murmelt sie und lächelt.
Vielleicht heute. Doch ich weiß, dass es nicht stimmt. Sie verspircht es mir jeden Tag und allmählich habe ich aufgehört ihr zu glauben. Ich funktioniere nicht mehr.
Das weiß sie. Und sie tut nichts um das zu ändern. Dann vielleicht morgen?
Nein, ich bin die Uhr, die aufgehört hat zu atmen. Mein Ticken ist eine Erinnerung an eine Jugend, die nicht mehr existiert. Ich bin die Uhr, die aufgegeen hat.
Sie verlässt das Zimmer und kommt nicht mehr zurück. Den ganzen Tag bin ich alleine, schweige und warte auf den nächsten Tag.
Denn vielleicht morgen.

Aufgabe 3: Schreibe aus der Sicht einer Uhr.


Die braunen Strähnen auf seiner Schulter lenken mich ab. Blauer Stoff zeichnet seine Arme nach. Ich stehe hinter ihm, leisem wage kaum zu atmen.
Federkratzen erfüllt den kleinen Raum und ich halte gespannt die Luft an. Das wird ein Meisterwerk, ich weiß es. Sein Atem verfängt sich in den Zeilen, stockt, wird schneller. Er lebt diese Worte, kämpft gegen sie.
Ich will ihn nicht stören, doch ich muss.
„William?“ Meine Stimme ist ein klägliches Flüstern. Hat er es überhaupt gehört? Ich beuge mich leicht über ihn. Das Tablett gleitet mir aus den schwitzigen Fingern.
Es fällt, so langsam und doch viel zu schnell.
Die Tasse zerbricht, Tee blutet auf den Holzboden. William zuckt zusammen, erwacht aus seiner Trance und sieht mich an.
„Mira, was ist los?“
Sein Herz ist so gütig, obwohl ich so törricht bin.
„Ich bringe…ich wollte dir Tee bringen.“
Er bemerkt die Scherben zu meinen Füßen.
„Schon gut.“
Es legt die Feder zur Seite, lässt Romeo und Julia für einen Moment schweigen und dreht sich um. „Schon gut, Mira.“

Aufgabe 4: Springe an einen Ort in der Zeit (Vergangenheit oder Zukunft) und schreibe eine Szene.


Wie fandet ihr die ersten Textschnipsel und wie findet ihr das Konzept im Allgemeinen? Werdet ihr die Aufgaben ebenfalls ausprobieren?

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2 Kommentare

  1. 10. August 2017 / 14:45

    so so schöne Texte meine Liebe! 🙂

  2. 16. August 2017 / 10:21

    Hi Kat.
    Sehr schöne Texte.
    Ich wüsste gar nicht, ob ich das Zusammenbringen würde. Vielleicht denke ich daran, wenn ich mich zu Tode langweile und probiere sie aus. =)
    Schreibzeug hab ich mittlerweile ja immer mit, dank BuJo und Notizbuch für meinen Blogg!
    =)
    LG, Carina.

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