Bin ich nur interessant, wenn ich verreise?

Bin ich nur interessant, wenn ich verreise?

Es quält mich.
Diese Unsicherheit nicht zu wissen, wie es weitergehen wird.
Der Alltag sitzt mir im Nacken, versucht sich in meine Gedanken zu graben.
Er kratzt an der Tür, ich versuche krampfhaft ihn zu ignorieren.
Die Dame im Kostüm lächelt mich freundlich an, deutet auf den Eingang.
Und ich stehe auf, betrete das Flugzeug und lasse mich in den Sitz sinken.
Der Alltag ist verschwunden.
Hilflos klebt er am Außenrumpf und hofft, noch eine Chance zu haben.
Aber da gehen die Türen schon zu, schließen ihn aus.
Und als wir durch die Luft gleiten, in dieser dunklen Nacht voller Sterne, denke ich an gar nichts.
Weil plötzlich alle Sorgen im Wind zerbersten und in alle Himmelrichtungen verstreut werden.
Ich habe keine Angst mehr vor der Zukunft. Weil ich gar nicht mehr daran denke.
In diesem Moment gibt es nur mich und mein Ziel. Dieser Ort, den ich dieses Mal vielleicht schon kenne oder mir gänzlich unbekannt ist. Es ist egal.
Hauptsache es ist weit weg und aufregend und spannend.
Denn das ist der Grund, warum ich so gerne reise: Der Alltag hat sich nie ein Flugticket gekauft.


 Bin ich nur interessant, wenn ich verreise?


In letzter Zeit war ich viel unterwegs. Und ich hätte es mir auch gar nicht anders gewünscht.
Egal ob in Wien oder Berlin, ich wollte nur nicht zu Hause rumsitzen und mich dem alltäglichen Trott geschlagen geben. Ablenkung, Lebensfreude und Abenteuerlust waren die Säulen meiner Existenz geworden.
Kaum landete das Flugzeug wieder zu Hause, wollte ich schon in die nächste Maschine zu einem fremden Ort steigen.
Ich plante Reisen, die ich mir nicht leisten konnte und malte mir Ausflüge aus, die den Rahmen meiner existierenden Urlaubstage sprengten.
Ich wollte überall sein, nur nicht Zuhause.
Nicht weil ich es dort nicht liebte. Sondern weil es mir so schrecklich gewöhnlich vorkam. Sobald ich das nächste Reiseziel ansteuerte, kam ich mir interessant und aufregend vor.
Jemand, der durch die Welt wandert, der spannende Geschichten zu erzählen hat.
Wien. Frankfurt. Berlin. Es war eine Sucht und ich wollte nicht aufhören.
Weil sich plötzlich alle dafür interessierten, was ich tat oder tun wollte. Es war neu, anders und sie wollten es wissen. Ich stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und wenn ich von meiner nächsten Destination berichtete, wurden ihre Augen groß vor Ehrfurcht.
„Du bist ja nur noch unterwegs. Ist ja unglaublich.“
Es tat so gut. Diese Blicke zu spüren, diese Nachrichten zu bekommen.
Ein Mensch zu sein, von dem man mehr wissen wollte.
Aber jede Sucht hat auch ihre Schattenseiten.
Denn das Reisen hat vor allem eine: Irgendwann geht einem das Geld aus. Oder die Zeit.

Samstag. Ich saß zu Hause auf meinem Bett. Der Laptop aufgeklappt neben mir und das leise Geflüstert des Fernsehers erfüllte den Raum.
Ich packte nicht. Mein Koffer war leer.
Weil es keine Reise gab, für die ich mich hätte vorbereiten müssen.
Ich war alleine, wie so viele andere. Ich war wieder ein Mensch unter vielen.
Weil ich alltägliche Dinge tat. Wäsche zusammenlegen, Essen kochen. So normal, dass es mir fast das Genick brach. Und dann kam der Moment, wo ich mir meiner Situation endlich bewusst wurde.

Du bist süchtig.
Nach dem Gefühl, dich nicht mit dem Alltag duellieren zu müssen.
Dem Gefühl nach fremder Luft zu riechen und Fragen, die nur du beantworten kannst.
Weil du dort warst. Weil du es gesehen hast.
Alles nur, weil das Leben manchmal nicht so läuft, wie man es sich wünscht. Oft ganz anders.
Vielleicht sind andere interessanter als ich.
Vielleicht sind sie es nicht.
Aber es gibt Menschen, die mir auf Instagram, Facebook & Co folgen. Die meinen Blog lesen und sich gerne hier aufhalten. Auch wenn ich nicht gerade auf Reisen bin.
Sondern in Pyjama und Top unfrisiert auf der Couch sitze.
Aus einem Grund.

Wir sollten alle mehr reisen. Die Welt sehen. Aber aus den richtigen Gründen.
Um dem Alltag für ein paar Tage zu entkommen.
Den Wissensdurst zu stillen, der und schon so lange quält.
Oder um einfach den einen Ort zu besuchen, den wir sonst nur von Fotos kennen.
Reisen ist besonders, keine Massenware aus dem Supermarkt.
Und das sollten wir, vor allem ich, besser zu schätzen wissen.
Denn reisen sollten wir nur für uns selbst und die Seele, die bei uns wohnt.
Nicht für irgendjemanden sonst.

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16 Kommentare

  1. 5. November 2017 / 10:19

    WOW! Ein Unglaublich toller Blogartikel, der mich sehr berührt hat. Mir geht es oft nicht anders. Ich hab das Gefühl, dass ich auf Reisen mich selber viel besser wahrnehmen kann, weil man automatisch aktiver, neugieriger und abenteuerlustiger ist und diese Helin in mir mehr mag als die „Alltags-Helin“ die dann um 7 Uhr mit ach und krach aufsteht und zur Uni rennen muss und währenddessen Kaffee verschüttet. Der Artikel bringt mich wirklich zum nachdenken, weil ich es von der Sicht noch gar nicht betrachtet habe 🙂 Danke dafür. Vielleicht sollte ich dazu auch mal meine Gedanken dazu schreiben. Danke für die Inspiration und liebe Grüße Helin

    • 7. November 2017 / 9:42

      Vielen Dank für die lieben Worte, Helin. 🙂
      Freut mich total. Oh ich verstehe dich ja sooooo gut. Trust me.
      <3

  2. 5. November 2017 / 10:21

    Was für ein wundervoller Beitrag… Mir geht es manchmal genau wie dir. Ich bin im Sommer von einem event zum nächsten geflogen und plötzlich war meine Instagramstory voll und die Follower aktiv…
    Doch irgendwann endet jeder Höhenflug und so bin ich ziemlich tief gefallen. Kaum war die letzte Reise beendet, war ich nur noch uninteressant
    Traurig aber wahr…

    Schön, dass es noch jemand so geht.

    Trotzdem: Du hast recht, wir sollten Reisen, aber nur aus den richtigen Gründen

    Hab einen wundervollen Sonntag< 3
    Liebste Grüße,
    Sassi

    • 7. November 2017 / 9:44

      Vielen Dank Sassi. 🙂
      Ja da kann ich sehr gut mit dir mitfühlen und ich verstehe dich sehr gut.
      <3

  3. 5. November 2017 / 10:34

    Ach ja, eine altbekannte Qual, die Du da beschreibst. Wir könnten eine Selbsthilfegruppe gründen. Allerdings wollen wir unsere Sucht gar nicht kurieren. Du weißt ja, Reisefieber ist unheilbar. 😉

    • 7. November 2017 / 9:44

      ja nicht wahr? 🙂
      Das ist eine super Idee, das machen wir. Hihi

  4. 5. November 2017 / 10:51

    Ohhh, einfach nur genial geschrieben! 🙂
    Und ich mag jeden Beitrag von dir, egal ob über Reise oder über was Alltägliches. <3

    Ich habe auch schon festgestellt, dass täglich Arbeiten und danach FH Zeug machen, unerträglich werden kann, aber ich habe dann keine Möglichkeit irgendwohin zu fliegen, da es sich nicht auszahlt, wenn ich mir nicht freinehme. Samstag sitze ich ja immer an der FH.
    Aber Ausflüge zu Freunden oder jemanden helfen beim Computerproblemen, helfen mir über diese Zeit oder auch nur beim Heimfahren von der FH mit Oma, Mama oder jemanden zu telefonieren.
    Es sind Kleinigkeiten die den Alltag brechen können, man muss sie nur sehen. 🙂
    Liebe Grüße,
    Carina.

    • 7. November 2017 / 9:44

      Dankeschön meine liebe Carina. 🙂
      Freut mich total zu hören. <3

  5. 5. November 2017 / 11:38

    Das Gefühl kenne ich mehr oder weniger leider auch nur zu gut. Eine Zeitlang war ich nur unterwegs. Gefühlt musste ich gar nicht erst meine Tasche auspacken, weil der nächste Wochenendtrip schon auf dem Plan stand. Als dann das Geld und die Zeit zu neige ging, rutschte ich in ein kleines Tief, weil ich das Reisen brauchte. Ich fühlte mich so nutzlos und hatte das Gefühl nichts erzählen zu können, da ja alles andere außer verreisen langweilig ist. Wenn man es da wieder raus geschafft hat, ist dieser Gedanke irgendwie so abstrus, dass er wieder lustig ist.

    Das Fernweh an sich werde ich aber wohl nie verlieren und das will ich auch nicht.

    • 7. November 2017 / 9:46

      Irgendwie haben wir alles dasselbe leiden. <3
      Oh ja, da kann ich mich dir nur anschließend.
      Das Fernweh wird mir immer bleiben.

  6. 5. November 2017 / 12:27

    Wie wundervoll, du sprichst mir aus der Seele. 🙂
    In diesem Punkt sind wir uns woh sehr sehr ähnlich.
    Kaum bin ich wieder zu Hause, plane ich auch schon mein nächstes Abenteuer.
    Irgendwie fühle ich mich einfach nicht wohl, wenn ich kein neues Reiseziel vor Augen habe.
    Ich wünsche dir einen wunderschönen Sonntag!
    Liebste Grüße Tamara
    FASHIONLADYLOVES

    • 7. November 2017 / 9:46

      Dankeschön liebe Tamara. 🙂 Freut mich, dass ich damit nicht alleine bin.
      Aber ist es nicht auch einfach wundervoll immer neue Abenteuer zu planen? hihi
      <3

  7. 5. November 2017 / 16:18

    Für mich ist das auch ein wichtiges Thema. Ich fühle mich irgendwie oft durch den Reisewahn unter Druck gesetzt. Aber die Wahrheit ist: ich reise nicht besonders gerne. Und weil man sich dann immer rechtfertigen muss: ich bin kein kleinkarierter Langweiler. Ich habe noch nie länger als 5 Jahre am Stück in einem Ort gelebt, habe schon in verschiedenen Ländern und auch Bundesländern gelebt. Ich finde meinen Horizont ziemlich offen und will nicht reisen müssen, nur weil meine Generation das halt angeblich ständig macht! Hier hab ich noch etwas überspitzt mehr dazu geschrieben:
    https://evameintsgut.de/endlich-tacheles-warum-urlaub-nervt/

    • 7. November 2017 / 9:47

      Das kann ich sehr gut verstehen, Eva.
      Mir geht es mit Instagram & Co nicht anders. das setzt mich unter DRuck, so mehr und weiter zu reisen.
      Danke für deinen Beitrag.
      <3

  8. 6. November 2017 / 17:20

    ich finde reisen ist eines der tollsten dinge die es gibt! ich liebe es andere länder zu bereisen u neue kulturen kennenzulernen! leider ist es oft durch die arbeit nicht möglich 🙁
    ich sag auch immer wenn ich es mir aussuchen kann dann verzichte ich auf so viele nur um mehr reisen zu können 🙂 auch wenn kenia noch nicht mal ein monat her ist – träume ich schon von der nächsten reise!
    glg katy

    http://www.lakatyfox.com

    • 7. November 2017 / 9:48

      Du sagst es, liebe Katy! Absolut!
      Aber wie du sagst, leider ist es nicht immer möglich.
      Wir sollten auch nie auhören zu träumen.
      <3

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