Erwarten wir zu viel?

Erwarten wir zu viel?

Ich dachte, der Wind wäre kühler.
Als könnte er mir die Haut von den Knochen schneiden.
Aber er ist lauwarm und irgendwie fehl am Platz.
Genauso wie die Sonne kann er meine Erwartungen nicht erfüllen.
Sie steht da, hoch am Himmel, und verspricht mir den Sommer.
Aber sie lügt. Mir mitten ins Gesicht.
Und ich frage mich zum hundertsten Mal an diesem Tag: Erwarten wir zu viel?

Mathematik lacht mich aus. Zuckt nur mit den Schultern, wenn ich die Antwort nicht weiß.
Ich sollte lernen, mich zwischen Zahlen und Aufgaben vergraben.
Aber mein Kopf ruht in den Wolken und denkt nicht daran, zu mir zurück zu kommen.
Plötzlich schütten alle ihre Gedanken über mir aus.
„Du schaffst das schon.“
Und dann, vielleicht, schaffe ich es tatsächlich.
Und sie sagen: „Wir hatten auch nichts anderes erwartet.“
Ich bin nicht gefallen. Ich habe nicht versagt.
Aber was, wenn ich die letzte Aufgabe doch nicht gelöst hätte?
Erwarten sie zu viel?

Du siehst mir in die Augen. Bis in meine Seele.
Aber irgendwie sind es nicht deine, denn diesen Blick kenne ich nicht.
Vorsichtig nimmst du meine Hand, redest über Pläne, die ich nicht verstehe.
Pläne ohne mich und ohne meine Träume.
Ich dachte, ich hätte alles gegeben.
Dir so viel geschenkt.
Letztendlich war es nicht genug. Und das ist okay.
Denke ich.
Trotzdem schwebt diese Frage durch den Raum, landet zwischen uns.
Erwartest du zu viel?

Das Leben ist so voller Höhen und Tiefen, dass mir immer öfter schwindlig wird.
Ich halte mich am Geländer fest, rutsche aber wieder ab.
Weil meine Finger den Halt verlieren.
Denn ich erwarte mir Berge und bekomme Hügel.
Träume von Meilen und gehe Meter.
In meinen Gedanken erwarte ich alles. Und werde enttäuscht.
Weil es zu viel ist, was ich will. Weil ich noch nicht bereit dafür bin.
Weil auch die schönste Rose langsam wachsen musste.


Erwarten wir zu viel?


Ich erwarte zu viel.
Du erwartest zu viel.
Wir erwarten zu viel.
Von uns. Vom Leben. Von jedem Atemzug.
Wir bauen Schlösser mit unseren Wünschen, obwohl ein Haus reichen würde.
Wie sollte diese viel zu hohen Erwartungen einmal, zweimal, immer etwas weiter runterschrauben. Denn letztendlich können wir ihnen viel zu selten gerecht werden.
Und das nagt ans uns. Drückt uns die Luft aus den Lungen.

Ich erwarte zu viel.
Von meinem Blog. Den Wundern in der Welt. Aber vor allem mir selbst.
Ich erwarte Schmerz mit einem Schulterzucken abschütteln zu können und sofort weiter zu leben.
Ich erwarte morgen schon auf einem Cover zu landen und endlich das zu tun, was ich liebe.
Ich erwarte mir ja nur die geilste Nacht meines Lebens.
Aber Erwartungen sind da, um gebrochen zu werden. Denn letztendlich sinken sie immer auf die Knie und entschuldigen sich nie. Für all die falschen Versprechen.
Also denkt daran, wenn ihr wieder den Sturm erwartet, ob nur Wind um die Häuser weht.
Das Leben ist schön. Manchmal mehr, manchmal weniger.
Aber nicht, wenn wir in jeder Sekunde alles davon erwarten.

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13 Kommentare

  1. 26. November 2017 / 19:26

    So schön geschrieben <3 danke dir!

  2. 26. November 2017 / 22:41

    So schön geschrieben liebe Kat und du hast sowas von recht!
    Die hohen Erwartungen die wir an uns selber stellen, sind oft der Gund warum wir von uns selbst enttäuscht werden.
    Ich wünsche dir morgen einen wundervollen Wochenstart! 🙂
    xx Tamara
    FASHIONLADYLOVES

  3. 28. November 2017 / 15:18

    ein so toll geschriebener Beitrag meine Liebe!
    ich kann dem nur zustimmen … gerade in der heutigen Zeit erwarten wir wohl alle zuviel – v.a. von und selbst und an und selbst. ein bisschen mehr Gelassenheit täte sicher gut 🙂

    hab eine wundervolle Woche
    ❤ Tina von http://www.liebewasist.com

  4. 28. November 2017 / 15:40

    Ein sehr schöner Text – ja das ist eine große Schwäche von uns Menschen. Die Erwartungshaltungen werden immer höher und gerade als Blogger zerbricht man dann am Druck.
    Das wichtigste ist, dass man mit sich selbst im Reinen ist und auch mal Nein sagen kann.

    Alles Liebe,
    Trixi

  5. 28. November 2017 / 18:27

    So ein schöner Beitrag! Hast du echt toll geschrieben! 🙂

    liebe Grüße,
    Sonia

  6. 28. November 2017 / 19:19

    Wieder sehr schön geschrieben! Ich denke, wir können ruhig viel erwarten. Von uns selber und auch von anderen. Denn das pusht und fördert unseren Ehrgeiz. Klar gibt es auch Rückschläge, aber diese hakt man ab und macht weiter, bis zum nächsten Erfolgserlebnis.

    Alles Liebe,
    Verena
    whoismocca.com

  7. 28. November 2017 / 20:15

    wow kat ich mag deine persönlichen text so sehr
    u oh ja ich gebe dir recht man erwartet von sich selbst oft zu viel – ich denk auch immer mehr mehr mehr u wenn ich es dann nicht so schaffe wie ich will – dann bin ich leider oft von mir selbst enttäuscht!
    glg katy

    http://www.lakatyfox.com

  8. 29. November 2017 / 7:14

    Was für ein toller Beitrag, meine liebe Kat! Und wie wunderschön geschrieben! Ich denke, dass die Erwartungshalten heute immer höher werden, nicht nur in Bezug auf andere, sondern auch auf einen selbst…

    Liebst, Sarah-Allegra
    http://www.fashionequalsscience.com/

  9. 29. November 2017 / 17:50

    Sehr schöner Post. Ja, wir erwarten tatsächlich zu viel von allem. Vor allem von uns selbst – jedenfalls geht es mir so. Und so pushe ich mich selbst viel zu hart und treibe mich so in mein eigenes Unglück. Ziemlich doof eigentlich… Gut, dass mein Mann mich einholt, wenn ich ihn dabei bin wieder viel zu viel zu wollen.

    Tolles Blogdesign übrigens ;-))

    Liebst
    http://www.sugarpopfashion.com

  10. 30. November 2017 / 14:11

    Wunderbare Gedanken. Vielleicht erwarten wir so viel, weil diese Dinge etwas in unserer Seele heil machen sollen? Etwas, was sehr verletzt ist und der Aufmerksamkeit bedarf… Kennst Du die einprägsamen Worte von Charlie Caplin zu seinem 70. Geburtstag? „Als ich mich selbst zu lieben begann…“? Wenn nicht, teile ich sie gern mit Dir… für mich war der Text vor einigen Jahren die Antwort auf viele Fragen…ich lese ihn immer noch gern

  11. 5. Dezember 2017 / 9:08

    Hallo Kat,

    Wahre Worte und wunderbar geschrieben. Danke schön, dass du mich zum Nachdenken gebracht hast 🙂

    Viele liebe Grüße
    Laurence

    • 5. Dezember 2017 / 10:39

      Vielen Dank für deine lieben Worte, Laurence. 🙂
      Das freut mich zu hören.

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