Das Mädchen mit dem Bienenshirt – gegen Bulimie und Essstörungen

Das Mädchen mit dem Bienenshirt – gegen Bulimie und Essstörungen

Wenn rote Augen und nasse Wangen zum Alltag werden, dann haben die Mobber in der Schule bereits gewonnen. Doch mit fünfzehn Jahren ist einem egal, wer gewinnt oder verliert. Man möchte nur diesen unsagbaren Schmerz nicht mehr spüren, den achtlos hingeworfenen Worte auslösen. Der bittere Beigeschmack und die nagenden Zweifel, die jede Beleidigung hinterlässt. Ich ging für drei Jahre in eine technische Schule, dementsprechend sahen auch die Klassenkonstellationen aus. Zusammen mit zwei anderen Mädchen und einer Überzahl von 21 Jungs teilte ich mir ein Klassenzimmer. Doch anders als bei den anderen Mädchen in der Schule, die sich mit ihren männlichen Kameraden sehr gut verstanden und sogar anfreundeten, hatte ich es in meiner Klasse ziemlich schwer. Er fing bereits am ersten Tag an, als wir uns vorstellen mussten. Ich hatte kaum Selbstbewusstsein, viele Pickel und breite Oberschenkel. Offenbar strahlte ich das auch aus, denn ich wurde sofort zu Opfer Nr. 1 auserkoren. Es folgten die üblichen Sticheleien, gemeine Worte im Flüsterton und die ersten wahnsinnig unterhaltsamen Spitznamen. Meiner war Panzer. Ich weiß nicht, was ihr mit diesem Wort assoziiert. Für mich symbolisiert es Breite und Masse und das war auch der Grund, warum sie mich so nannten. Weil sie mich eben genau so sahen. Und das zeigten sie mir auch jeden Tag. (Fürs Protokoll: Ich war nie dick, höchstens mollig. Aber man kann sich alles einreden lassen.) Ich ging nicht mehr alleine in die Klassen, aus Angst, jemand würde etwas über mich sagen. Jeden Moment erwartete ich das nächste Schimpfwort, über das alle außer mir lachen würden und wenn es nicht kam, wartete ich ängstlich weiter. Im Sportunterricht kam es dann zu einem Ereignis, das für mich besonders prägend war. Ich trug ein stinknormales T-Shirt mit einer süßen Biene darauf, bei dem ich mir keinerlei Gedanken gemacht hatte. Doch dann sagte ein Junge aus meiner Klasse zu mir: Du bist keine Biene. Du bist eine fette Hummel. Das Shirt habe ich nie wieder getragen. Ein Jahr später verließ ich die Schule. Es war zuerst ein befreiendes Gefühl und ich war froh, dem ganzen Chaos endlich entkommen zu sein. Aber wie es Geister aus der Vergangenheit eben so an sich haben, verschwinden diese nicht einfach. Sie verfolgen einen.

Der Gedanke, andere könnten mich hässlich oder dick finden, ließ nicht mehr von mir ab. Sobald jemand leise sprach, dachte ich sofort, er würde über mich reden. Ich wurde paranoid, dachte mir jeder, der mich ansah, musste sich doch denken, wie schrecklich ich aussah. Ich war 17 und flüchtete mich in weite Hosen und noch weitere Sportjacken. Das war die Zeit, in der ich mit dem Ausgehen angefangen habe. Jedes Wochenende mit einer Freundin in einen Club, tanzen und trinken. Es war jedoch erst ein erfolgreicher Abend, wenn ich mit irgendeinem fremden Typen rumknutschen konnte. Meine Theorie: Wenn er mich küsst, kann ich nicht so schlimm sein. Oder? Doch es änderte nichts. Ich fühlte mich nicht gut, geschweige denn hübsch. Der Gedanke, ich wäre es nicht wert, geliebt und wertgeschätzt zu werden, hatte sich in meinem Hirn verbohrt und ich schaffte es nicht, ihm zu entkommen. Und dann fing mein Kampf mit dem Essen an.

Er schlich sich an, redete mir Dinge ein und irgendwann konnte ich nicht mehr anders. Ich verabscheute Essen. Ich hasste es mit jeder Faser meines Körpers. Da brachte mich jedoch nicht davon ab, etwas zu mir zu nehmen. Nein, stattdessen erbrach ich es wieder. Nach beinahe jedem Essen ging ich auf die Toilette, steckte mir den Finger in den Hals und kotzte alles aus, was ich gerade gegessen hatte. Sogar bei einer Firmenfeier in einem Restaurant ging ich aufs Klo. Doch irgendwann blieben meine kleinen Ausflüge nicht mehr unbemerkt. Meiner Mutter fiel auf, dass es komisch roch und ich seltsam blass aussah. Sie sagte mir, wenn ich nicht damit aufhörte, würde sie mich einliefern. Ich hatte furchtbare Angst, dass sie mich tatsächlich in irgendein Krankenhaus bringen würde, wo ich mich mit meiner Bulimie auseinandersetzten musste.  Also entwickelte ich einen Plan. Fürs Protokoll: Ich sitze gerade vor meinem Laptop, tippe diese Worte und weine vor mich hin. Weil ich mich so dafür schäme, was ich mich selbst da angetan habe. Um wieder unbemerkt erbrechen zu können, erfand ich schließlich Spaziergänge. Mit Taschentüchern und Kaugummi bewaffnet ging ich in den Wald, der an unser Grundstück angrenzt. Tief zwischen den Bäumen, versteckt hinter Büschen, hockte ich mich hin und sagte dem Mittagessen auf Wiedersehen. Der Plan funktionierte. Niemand bekam etwas mit, niemandem fiel es auf. Weil ich nicht abnahm. Nach jedem Kotzen hatte ich natürlich wieder Hunger und aß erneut. Ein Teufelskreis, der mir mit keinem Stück weiterhalf. Doch anstatt aufzuhören, weil es sowieso nichts bringen würde, fing ich dann auch noch an zu hungern. Ich aß nur mehr, wenn ich musste. Und selbst dann, landete das meiste davon in der Schüssel. Ich nahm zwei Kilo ab, mein Körper streikte. Wenige Wochen später hatte ich wieder drei Kilo zugenommen. Fressattacken und Hungerschübe zerrten an meinen Nerven und ich quälte meinen Körper mit jedem Bissen. Ich war besessen von meinem Gewicht, stellte mich jeden Tag zwei Mal auf die Waage und fing an, Kalorien zu zählen. Das Erbrechen hörte auf, die Nahrungskürzung blieb. 1000 Kalorien pro Tag, das war alles, was ich mir zugestand. Dann wurden es 900, später nur mehr 800. Ich war ständig müde, fühlte mich schwach und ausgelaugt, obwohl ich keinen Sport machte. Im Nachhinein sehe ich, wie viel Schmerz ich mir selbst damit zugefügt habe. Und ich möchte mich hiermit bei meinem Körper und meiner Seele entschuldigen, dass ich sie durch die Hölle und wieder zurück getreten habe.

Die Wendung kam erst letztes Jahr im Sommer. Ich stand wieder einmal auf der Waage, fing an zu weinen und fragte mich selbst, was ich falsch machte. Die Antwort kam, überraschenderweise, von mir selbst. Alles. So kann man nicht richtig abnehmen, schon gar nicht gesund. Ich wischte mir die Tränen von den Wangen und schwor mir, diesen krankhaften Weg endlich hinter mir zu lassen. Und es hat funktioniert. Ich fühle mich immer noch nicht rundum wohl, geschweige denn attraktiv. Aber genau aus diesem Grund starte ich jetzt dieses Projekt. Vielleicht finden es einige komisch oder aufmerksamkeitsheischend, dass ich hier meine Bulimiegeschichte erzähle. Aber die liebe Morena und Maddie haben es vorgemacht und ich möchte mich ihnen anschließen: offen über diese Krankheiten reden, mehr Selbstliebe für den eigenen Körper und endlich gesund und zufrieden sein. Das ist der erste Schritt meine Vergangenheit endlich hinter mir zu lassen. Ich bin nicht mehr das hungernde, erbrechende Mädchen mit den traurigen Augen. Ich bin eine junge Frau, die endlich mit ihrem Leben zufrieden sein will. Und deswegen ist dieses Projekt auch so wichtig für mich. Damit ich endlich den Absprung schaffe. Lasst nicht zu, dass eine Krankheit euer Leben bestimmt. Weil wir es wert sind, gut behandelt zu werden. Am meisten von uns selbst.

Change it!

Eure Kat.

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10 Kommentare

  1. 22. Juni 2016 / 17:21

    Ich finde es sehr berührend, wie offen und ehrlich du über diese schwierige Zeit in deinem Leben schreibst! Außerdem siehst du das Ganze sehr reflektiert und dass du es aus eigener Kraft geschafft hast, in so jungen Jahren wieder einen gesünderen Weg einzuschlagen, finde ich beachtlich – Hut ab! Eine der schwierigsten Aufgaben ist es, uns selbst unsere Schwächen zu verzeihen… das kann unglaublich schwer sein. Du scheinst diesbezüglich schon ein paar ordentliche Schritte gegangen zu sein… Dein Change it Projekt ist super – weiter so! <3

    • 23. Juni 2016 / 8:13

      Vielen Dank für die lieben Worte, Katharina. 🙂
      Ich mache mir oft genug selbst das Leben schwer und bin froh, dass ich diese zeit hinter mir gelassen habe.
      Danke für deine Unterstützung und die Motivation.

      Liebste Grüße, Kat <3

  2. Sabine
    22. Juni 2016 / 17:49

    Deine Geschichte erschreckt mich, denn als ich dich das erste Mal gesehen habe hätte ich nie an Bulimie gedacht. Es ist toll, dass du dieses Thema ansprichst, da es doch noch (leider) ein Tabu Thema ist. Ich bin froh (und damit sicher nicht allein), dass du das alles überwunden hast und jetzt dieses Projekt startest. Meine Unterstützung hast du 😉

    Lg Sabine

    • 23. Juni 2016 / 8:15

      Hallo Sabine.
      Ja nach außen hin gibt man sich oft anders, als es innen aussieht. Aber ich glaube so geht es vielen
      Menschen. Ich habe lange mit mir selbst gehadert, ob ich diesen Beitrag veröffentlichen soll und habe mich dann dafür entschieden,
      weil diese Krankheit kein Teil mehr von mir ist und man offen darüber sprechen sollte.
      Vielen Dank, das ist wirklich sehr lieb von dir und freut mich unheimlich. 🙂

      Liebste Grüße, Kat <3

  3. lophornia
    23. Juni 2016 / 19:57

    Es macht mich jedes Mal unfassbar wütend, wenn ich mitkriege, dass Menschen (oft in Gruppen) andere verletzen, um sich daran zu erfreuen. Dass die Betroffenen dann auch noch die Fehler bei sich suchen, sich selbst weh tun, macht mich noch wütender und traurig.
    Schön, dass du aus dem Teufelskreis entkommen konntest. Wir sollten alle viel mehr üben, nett zu uns selbst und zu anderen zu sein.

    • 23. Juni 2016 / 21:30

      Ja Menschen können sehr grausam sein. Und dann sieht man sich selbst schnell in
      der Opferrolle und entkommt daraus auch nicht mehr.
      Danke, darüber bin ich auch sehr froh.
      So eine Krankheit kann wirklich deinen ganzen Tag bestimmen. Nett zu anderern zu sein
      ist gar nicht so schwer. Oft genug fängt es mit einem Lächeln an. 🙂

  4. 9. Januar 2017 / 13:46

    Liebe Kat,

    durch einen deiner Leser bin ich auf dich aufmerksam geworden. Schön, wenn ich dich ein wenig inspirieren konnte 🙂 Aber ich muss sagen, dass auch du mich mit diesem Beitrag inspiriert hast.. Er hat mich sehr berührt und gerade der Anfang mit dem Mobbing hat mich in eine schlimme Zeit zurück versetzt. Ich kann dir so gut nachfühlen und es tut mir unendlich Leid, dass du so leiden musstest. Mobbing ist egal in welcher form und aus welchem Grund auch immer etwas Schreckliches..

    Ich wünsche dir alles Gute auf deinem Weg. Du scheinst mir eine starke Persönlichkeit zu sein.

    Alles liebe,

    deine m0reniita

    • 11. Januar 2017 / 17:10

      Liebste Morena- 🙂

      Vielen Dank für deinen unglaublich lieben Kommentar!! 🙂 <3 Das bedeutet mir wirklich viel und ich habe mich
      unheimlich gefreut, als ich ihn gelesen habe. Von Herzen Danke für diese wundervollen Worte.
      ich wünsche dir auch nur das Beste! Du bist wundervoll und eine große Inspiration für viele! <3

      Wishes Kat

  5. 9. Januar 2017 / 17:14

    Hallo Kat,
    Dass du diese Krankheit erfahren hast, hab ich nie damit gerechnet 😧 aber ich bin du, dass du stark geblieben bist und dein Ding durchgezogen hast. Trotzdem wünsche ich dir alles Gute! 💕

    • 11. Januar 2017 / 17:24

      Danke liebe Menna, zum Glück habe ich das soweit hinter mir. 🙂
      Du bist eine wundervolle Person. <3

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