7 Tage 7 Stories | Waldspaziergang und Musik

7 Tage 7 Stories | Waldspaziergang und Musik

Irgendwo, zwischen der Straße und den Bäumen, ist der Sommer verschwunden.
Plötzlich ist es kälter, dunkler. Einsame Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die dichten Blätterkronen und verlieren sich zwischen all den Farben. Wann haben die Äste aufgehört Grün zu tragen?
Mit den Kopfhörern im Ohr gehe ich durch den Wald, höre nur die wilden Töne der Musik.
Feuchte Erde windet sich durch das Dickicht, ich kann sie riechen. Wie frisch gefallener Regen.
Ein Waldspaziergang im Regen war womöglich nicht die beste Idee.
Ich wickle den Schal enger um meinen Hals, vergrabe mein Gesicht darin und werfe immer mal wieder einen Blick auf die Stämme der Bäume.  Sie sind so hoch, so stark.
Baumstamm müsste man sein.
Schritt für Schritt schrumpft der Weg unter meinen Schuhen, mein Rock weht über meine Beine. Der Wind lässt seine kühlen Finger über mein Gesicht wandern und zupft an den Sträuchern neben mir. Die Flügel eines Vogels huschen in mein Sichtfeld und verschwinden wieder, bevor ich sie wirklich erkennen kann.
Nichts davon kann ich hören, nur sehen, nur riechen.
Letzte Regentropfen flüchten über den Boden, versinken vor Scham, weil sie mich nicht getroffen haben. Allmählich wird es dunkler, über den Wald legt sich dieser düstere Schauer der einbrechenden Nacht.
In mir tanzen die Noten eines meiner Lieblingslieder und ich lasse mich dazu hinreißen endlich zu summen. Der Melodie eine Stimme zu geben.
Meine Stimme.
Niemand kann mich hören, niemand kann mich sehen.
Ich gehe ganz allein diesen Pfad entlang. Der Rhythmus wird schneller, die Akkorde überwältigen mich beinahe. Ich habe Mühe meine Gedanken zu ordnen und weiß für einen Moment nicht, was ich tun soll.
Sing doch einfach.

Schnell blicke ich mich um, bin mir sicher, dass niemand sich in Hörweite befindet. Und singe los.
Laut und leidend, als würde ich in den Tränen der Musiker ertrinken. Als hätte ich diesen Song geschrieben.
Nur der Herbst hört mir zu, weil er gar nicht anders kann. Dachte ich zumindest.
Seine Schuhe sehe ich, bevor ich meine Lippen zügeln kann. Blau mit weißen Streifen.
Er läuft direkt auf mich zu, ein breites Grinsen im Gesicht, und unterbricht meinen Waldspaziergang mit seinen schnellen Schritten. Ich möchte versinken, genau wie die Regentropfen vor mir. Mir steigt die Röte in die Wange und ich senke den Kopf. Doch meine Augen ruhen immer noch auf seinem Mund und dem Lächeln, das er trägt.
Worte fallen über seine Lippen und ich kann nichts hören.
„Was?“, frage ich kleinlaut und ziehe mir einen Kopfhörer aus dem Ohr.
„Es ist immer schön, etwas Musik beim Laufen zu hören.“, lacht er und deutet auf seine nicht vorhandenen Ohrstöpsel.
Er hat mir zugehört.

„Tut…tut mir leid. Ich wollte niemanden stören.“
Da fällt mir auf, dass seine Augen grün sind. Wie das Gras, das langsam verwelkt. Wie der Himmel, kurz bevor der Regen über uns zusammenbricht. Wie die Teetasse, die Zuhause in der Küche steht.
Grün wie ein Ozean im Sturm. Und ich kann nicht mehr atmen.
„Es war…schön. Du singst sehr gut, finde ich. Aber du verpasst so einiges, wenn du die echte Welt ausblendest.“
Perplex und dümmlich sehe ich ihn an. Ich kann froh sein, dass mir der Mund nicht offen steht, so überrascht bin ich. So überrascht, dass ich komplett verlernt habe zu sprechen.
Er mustert meine Gesichtszüge, lächelt und sagt: „Du solltest die Musik ausschalten und der Natur zuhören. Die hat meistens die schöneren Geschichten zu erzählen.“
Immer noch starre ich ihn an. Als hätte ich nicht mehr alle Chips in der Tüte.
„Hab noch einen schönen Spaziergang, schweigsame Lady.“
Er läuft weiter, direkt an mir vorbei, und sein Arm berührt meinen. Eingeschlossen von all den Lagen Stoff und doch kann ich es spüren. Lachend schüttelt er den Kopf als er weiter läuft, sieht ein letztes Mal zu mir zurück und winkt.
Und ich stehe nach wie vor an derselben Stelle und fühle mich wie der dümmste Mensch der Welt.

Mir entkommt der Seufzer, den ich den ganzen Tag schon verdrängt habe. Wie ein Gewitter bricht er aus meiner Kehle und lässt mich innehalten. Die Welt wird langsamer, bleibt stehen.
Ich rolle die Kopfhörer zusammen und verstauen sie in der Jackentasche.
Geräusche prasseln auf mich ein, es hat wieder angefangen zu regnen. Langsam lege ich den Kopf in den Nacken, schließe die Augen und höre einfach nur zu, was der Wald mir zu erzählen hat.
Alles und doch nichts. So viel und irgendwie ist es dennoch ruhig.
Die Vögel lachen über mich, unterhalten sich und endlich kann ich es hören. Warum erst jetzt?
Regen trommelt auf die Blätter, die Band beginnt zu spielen. Mein Atem wird grau, fällt langsam zu Boden.
„Wunderschön, oder?“, flüstert jemand neben mir und ich schrecke aus meiner Trance hoch.
Der Läufer steht wieder neben mir, beobachtet mich und lächelt. Warum lächelt er nur immer?
„Ja, wunderschön.“ Ich kann wieder sprechen, habe endlich meine Stimme wieder gefunden.
Er rührt sich nicht von der Stelle, schließt ebenfalls die Augen. Viele Sekunden lang kann ich ihn nur ansehen, wundere mich, warum er hier ist.
„Psst, mach die Augen zu. Du verpasst das Konzert.“, flüstert er plötzlich und mir entkommt das wohl fürchterlichste Lachen, das auf dieser Welt existiert.
Meine Wangen sind tiefrot, meine Augen schließen sich und ich höre nur noch den Wald singen.
Da murmelt er: „Viel besser als jede Musik.“
„Ja, viel besser.“


Tag 2 der 7 Tage 7 Stories-Challenge ist auf meinem Blog angekommen. Dieses Mal mit dem Thema Waldspaziergang. Zu Anfang war es etwas schwierig, da ich ja bereits am gestrigen Tag einen Spaziergang als Herbsterinnerung beschrieben habe. Aber letztendlich ist ein wirklich schöner Text entstanden, der wohl auch den Weg in mein Buch finden wird. Ich hoffe, meine Worte haben euch gefallen und konnte euch vielleicht sogar berühren.

Wollt ihr die Geschichte der Beiden weiterlesen? Was haltet ihr bisher von der Challenge?

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2 Kommentare

  1. 13. September 2017 / 1:30

    Das hast du wirklich toll geschrieben! Obwohl ich noch nicht wirklich in Herbststimmung bin, weil mir der Sommer noch etwas fehlt, hat mich dein Beitrag daran erinnert wie schön der Herbst doch sein kann.

    Liebste Grüße, Isabelle
    https://lapetitelune.de/

  2. 13. September 2017 / 19:11

    „Wunderschön, oder?“ .. OH GOTT JA!
    Okay sorry ich habe mich wieder, aber das ist sehr traumhaft beschrieben und ich habe mich glatt in deinen Text verliebt. Jetzt wünschte ich, dass ich einen Wald in meiner Nähe hätte, in dem ich jetzt spazieren gehen könnte.

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