7 Tage 7 Stories | Herbsterinnerungen

7 Tage 7 Stories | Herbsterinnerungen

Blätter fallen mir vor die Füßen wie vergessene Sternschnuppen. Unsere Schuhe drücken die feuchte Erde platt und hinterlassen Spuren auf dem Weg. Es sind bereits fünf Minuten vergangen, seit einer von uns etwas gesagt hat.
Außer dem Wind hat niemand gesprochen. Außer seiner Melodie haben wir nichts gehört.
Unsere Arme sind berühren sich beinahe, ich kann die Kälte spüren, die unter ihre Haut kriecht.
Obwohl niemand spricht, ist es dennoch wahnsinnig laut. Die letzten Vögel verabschieden sich, Baumkronen zerfallen und der Herbst raschelt vor sich hin. Aber vor allem ist es die Stille, die mir in den Ohren dröhnt. Eine Stille, die ich von uns nicht gewohnt bin, die mir fremd ist.
Der Weg verändert sich. Waldboden wird zu Kieselsteinen.
Und als wir den singenden Steinen lauschen, verändert sich ihre Haltung, wird unbekümmert und ruhig. Ihre Schultern tragen nicht mehr diese traurige Last.
„Weißt du noch, als wir durch den Bach gelaufen sind? Mit Gummistiefeln und kurzen Hosen. Wir wussten nicht einmal, wo wir hingehen. Wir sind einfach dem Strom gefolgt und durch das komplette Dorf spaziert.“
Sie neigt ihren Kopf und sieht mich an. Sieht meine Augen, bevor ich ihre wirklich sehen kann.
Braun, wie meine. Mit diesem wilden Funken von Freiheit, der besonders im Herbst auftaucht.
Für einen Moment teilen wir nur diesen Blick, bis wir Beide lächeln und ich sage: „Natürlich, das waren die schönsten Wanderungen meiner Kindheit.“
Ich erinnere mich noch, als sie wegging.
Als sie ihre Koffer packte und einfach weiterzog. Während ich in diesem Dorf zurückblieb, dass mich nie wirklich kannte.

Sie saß nicht mehr neben mir im Bus, sie rief nicht mehr an, um spazieren zu gehen. Sie war einfach weg, ohne eine Spur, der ich hätte folgen können.
Aber jetzt ist sie wieder da. Als wäre nichts gewesen, die letzten Jahre waren pure Fiktion.
Die Startschwierigkeiten waren schnell überwunden, die Reste einer alten Freundschaft noch genau da, wo wir sie zurückgelassen hatten.
Wir gehen an diesem Abend den altbekannten Weg. Eine Strecke, die wir schon hunderte Male zusammen gegangen sind.
Wir lachen und lästern, alte Erinnerung an ferne Tage kommen uns in den Sinn und auf einmal weiß man all diese Dinge wieder. Sie hat ein Buch aufgeschlagen, dass ich schon lange nicht mehr gelesen hatte. Voller Bilder, voller Ideen, voller Mädchen, die wir mal waren.
„Es ist schön wieder hier zu sein.“, flüstert sie und streicht mit den Fingern über einen niedrighängenden Zweig.
„Schön, dass du wieder da bist.“
Wir können nicht aufhören zu reden. Was sie vermisst hat und was nicht. Was sich verändert hat und was immer gleich bleiben wird.
Aber vor allem reden wir über Freundschaften, die in all den Jahren verloren gegangen sind. Deren Zeit abgelaufen ist oder die Uhr einfach aufgehört hat zu ticken.
Und dass wir keine dieser Freundschaften führen.
Wir haben keine Deadline.
Es ist Monate her, seit ich sie das letzte Mal sehen habe. Ich kann mich kaum daran erinnern.
Trotzdem ist es genauso wie damals. Leicht und unkompliziert. Niemand macht dem anderen Vorwürfe, keiner fühlt sich vergessen oder hintergangen.
Sie hat sich nicht bei mir gemeldet und ich habe ihr diese Nachrichten nur in Gedanken geschickt.
Aber letztendlich ist all was egal. Weil wir nun hier sind und lachen.
Wieder verändert sich der Weg zu unseren Füßen, wird rauer, härter. Steine fügen sich zu einer Straße zusammen und glauben, uns ewig zuhören zu können.
Kalte Luft kriecht meine Hose nach oben, zieht eine Gänsehaut über meine Beine. Aber wir gehen weiter. Die Strecke ist noch nie zu Ende. Zumindest nicht für mich.
Wir erreichen ihr Haus zehn Minuten später.
Spätestens als ich in ihrer Umarmung versinken weiß ich, dass sie nicht mehr fortgehen wird. Vielleicht bin ich an der Reihe, diesen Schritt zu gehen.

Sie nimmt meine Hand, drückt sie und dreht sich mit einem Lächeln um.
„Das sollten wir öfter machen.“
Wir wissen Beide, dass es reiner Zufall sein wird, wann wir diesen Spaziergang wiederholen. So ist es, wenn wir zusammen sind: Wir planen nicht, wir machen einfach.
Ich sehe ihr dabei zu, wie sie den Pfad zum Haus hinunter geht und setze mich ebenfalls wieder in Bewegung.
Aus den Taschen meiner Jacke fische ich die Kopfhörer, die ich zuvor darin versteckt habe. Die nächsten Minuten bin ich alleine. Den Hügel hinunter, dann wieder hinauf, die Straße entlang, bis zu meinem Zuhause.
Die ersten Takte der Musik klopfen an meine stürmischen Gedanken. Autos fahren an mir vorbei, kümmern sich nicht um mich. Der Himmel ist Grau, die Wälder werden allmählich bunt. Als hätte ein Kind angefangen die leere Felder auszumalen.
Meine Schultern bewegen sich zur Melodie, mein Mund spricht die lautlosen Worte aus, die nur ich hören kann. Ich tanze, mitten auf der Straße.
Denn ich bin frei und es ist Herbst. Und ich weiß, dass ich diesen weg noch öfter gehen werden. Dieser Lied wird noch öfter in meinen Ohren klingen und ich werde mit ihr noch öfter in alten Zeiten verweilen.
Das Leben ist schön, auch wenn es manchmal hässlich ist. Es vergibt und zerstört, lacht dich aus und weint mit dir.
Doch in Momenten wie diesen ist das alles egal. Weil ich zurückblicke, ihr Haus sehe und denke: Dort wird immer ein Freund von mir wohnen.

Das ist der erste Text unserer 7 Tage 7 Stories-Challenge, die Julie und ich ins Leben gerufen haben. Das heutige Thema ist Herbsterinnerungen. Alle Infos dazu und welche Themen noch folgen, findet ihr in diesem Beitrag. Ich hoffe, meine kleine Geschichte hat euch gefallen und ein paar von euch inspiriert. Ihr dürft jederzeit bei der Challenge mitmachen. Wir freuen uns immer über schöne Texte. Viel Freude mit unseren Kurzgeschichten und einen zauberhaften Herbstbeginn.

Hier findet ihr die Beiträge von:
Julie – Die mit dem roten Lippenstift
Vroni – Aus dem Leben eines Foodies

 

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3 Kommentare

  1. 11. September 2017 / 19:35

    Oh sehr schöner Text.
    Das Schreiben liegt dir einfach oder 🙂
    Bitte mach unbedingt weiter damit, die Challenge gefällt mir wirklich gut.

    Viele liebe Grüße Anni von http://hydrogenperoxid.net

  2. 11. September 2017 / 20:10

    Liebe Kat,
    Deinen Beitrag finde ich genauso gut gelungen, wie den von der Julie! Ich bin schon sehr gespannt, was die kommenden Tage noch so bringen werden und freue mich, an eurer Challenge teilhaben zu dürfen. 🙂
    Alles Liebe,
    Vroni <3

  3. 11. September 2017 / 23:18

    Ein wunderschöner Beitrag, Kathilein! Total schön geschrieben, wie immer 🙂 Ich freu mich auf die Texte, die noch kommen werden!!
    Ich drück dich!

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