7 Tage 7 Stories | H wie Hunter

7 Tage 7 Stories | H wie Hunter

Er hat mir seinen Namen gesagt, obwohl ich nicht danach gefragt habe.
Einfach so, als wusste er von Anfang an, dass ich ihn wissen wollte.
Ich saß wieder im Café.
Alleine, wie eine zerbrochene Puppe, und trank die dritte Tasse Tee an diesem Tag.
Denn in England galt die allgemeine Philosophie: When in doubt, drink tea.
Und in den letzten Wochen hatte ich mich auch penibel daran gehalten.
Der Herbst hatte London im Sturm erobert. Die ersten Bäume verloren ihre Kleider und die Sommerjäckchen wurden gegen Mäntel eingetauscht.
Der blau-rot gestreifte Schal meiner Oma lag noch immer um meine Schultern, obwohl die Wärme mich beinahe umbrachte. Weil mir jedes Stück Stoff den Trost schenkte, den ich so dringend brauchte.
Seit 24 Stunden hatte ich mit niemandem gesprochen. Mein Handy war aus, genau wie die Lichter in meiner Wohnung. Es gab kein Entkommen vor all den Fragen, den mitleidigen Blicken.
Als wäre ich das zerkaute Schaf auf der Straße und Ryan der Wolf.
Blätter peitschten gegen das Fenster, neben dem ich saß und zog meine Aufmerksamkeit nach draußen. Obwohl mit jedem Gast, der herein kam oder ging, ein eisiger Luftzug durch das Café huschte, war der gepolsterte Stuhl neben der Tür zu meinem Lieblingsplatz geworden.
Ich sah den Menschen gerne beim Leben zu. Fragte mich, wo sie hingingen, während ich ihren schnellen Schritten nachsah.
Eine Frau mit Kind.
Ein Mann mit Hut.
Ein Hund ohne Halsband.
Sie alle liefen durch London, sahen sich oftmals nicht einmal rum. Sie rannten einfach.
Staub wirbelte über den Asphalt, blieb am Glas der Geschäfte kleben. Und ich trank den letzten Schluck Tee mit Milch.
Beinahe hilflos starrte ich in die Tasse, ohne ihren Boden wirklich zu sehen. Denn alles, was ich sah, war diese einsame Leere, die mich schon so lange zu umgeben schien.
Meine Finger zitterten, als ich die Tasse zurück auf den Tisch stellte. Ich hielt mich daran fest, an dem gestrichenen Holz und den feinen Einkerbungen. Nebel legte sich über meine Augen und ich biss mir auf die Unterlippe. Hatte ich überhaupt noch Tränen übrig?
Ich wollte aufstehen und gehen. Meine Tasche an Ort und Stelle stehen lassen, weil ich nichts darin wirklich brauchte. Kein Geld, keinen Ausweis.
Mit leisen, achtsamen Schritten kam er auf mich zu. Ich bemerkte ihn nur, weil ich in diesem Augenblick den Kopf hob und ihn direkt ansah.
In den Händen trug er zwei Tassen, Dampf schlängelte sich über den Rand.
Er machte nicht kehrt, er blieb nicht stehen. Er ging weiter, bis er am Tisch angekommen war, den Tee abstellte und sich mir gegenüber hinsetzte.
Mit offenem Mund musterte ich ihn. Das stoppelige Kinn, die freundlichen, braunen Augen.
Die braunen Haare, die er wohl heute Morgen ignoriert hatte.
Und der scheue Blick, der meinen traf.
„Ich dachte, du hättest gerne etwas Gesellschaft.“
Hastig wischte ich mir übers Gesicht, versuchte jeden Hauch einer Träne verschwinden zu lassen.
Aber meine Wangen waren trocken. Wie gesagt, ich hatte keine Tränen mehr.
„Ich…“
Das erste Wort seit 24 Stunden. Und ich scheiterte kläglich an dem Rest des Satzes.
„Seit zwei Wochen kommst du jeden Tag in dieses Café, bestellst dir Himbeertee mit Zitrone und danach schwarzen Tee mit Milch und Zucker. Deine Augen sind wunderschön, aber immer traurig. Und wenn du nicht liest, siehst du aus dem Fenster. Denn obwohl der Herbst da draußen wütet, hast du dir den schlimmsten Platz an der Tür ausgesucht, weil du den Menschen gerne zusiehst.“
Ich schwieg, weil ich nicht anders konnte und fragte mich gleichzeitig, ob er damit Recht hatte.
Wieso war ihm das aufgefallen?
Er wartete immer noch. Auf eine Antwort, vielleicht nur ein einziges Wort.
Geduldig hob er eine der Tassen, trank einen Schluck und stellte sie zurück. Direkt neben meine.
„Ich bin Hunter.“, sagte er leise, ich verstand ihn kaum.
Hunter. Deshalb das H auf seinem Pullover.
Meine Augen wanderten über seine Brust. „Du trägst kein Namensschild.“
„Ich wahre gerne meine Privatsphäre. Manche Gäste sind wirklich verrückt. Meine Stalkerin müsste gleich um die Ecke auf mich warten.“
Etwas zupfte an meinen Lippen. Etwas Fremdes, was ich nicht mehr kannte.
Ein Lächeln.
Nun sitzen wir hier, seit zehn Minuten, in denen hauptsächlich Hunter gesprochen hat.
Und in einem Moment der Stille wage ich es und sehe ihn an.
„Ich heiße Ally.“
Er grinst, so breit, als hätte ich ihm gesagt, er hätte ein Auto gewonnen. „Nun hat das Teemädchen endlich einen Namen.“

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1 Kommentar

  1. 21. September 2017 / 7:32

    Oh Kat, das ist einfach wundervoll! Ich hab mich sofort verliebt in die Figuren. Und ich konnte alles nachvollziehen und habe es bildlich vor mir gesehen. Wie Ally da sitzt und zum Fenster raus schaut. An einem Platz, an dem sie ihre Ruhe hat, weil keiner auf die Idee kommen würde sich dort hinzusetzen wo es eigentlich doch so ungemütlich ist.

    Liebe Grüße aus dem kalten Dresden
    Dany
    http://www.danyalacarte.de/

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