7 Tage 7 Stories | Wenn die Blätter fallen

7 Tage 7 Stories | Wenn die Blätter fallen

Sie fallen alle irgendwann. Und man sieht ihnen dabei zu.
Wie sie vom Himmel stürzen und liegen bleiben, zwischen Schmutz und Straße. Der Wind versucht sie aufzufangen, vielleicht will er sie retten. Aber ein einziger Atemzug kann nicht alle Blätter vor dem Fall bewahren.
Maddie sitzt in ihrem Lieblingscafé und sieht dem Herbst beim Tanzen zu. Wie er seine Farben ändert und sich um die eigene Achse dreht. Wie er sich zwischen den Autos hindurch schlängelt und alle auslacht, die ihren Schal zu Hause vergessen haben. Es ist der Herbst, den sie liebt. Der ihr diese seltsame Hoffnung schenkt, die auch nur Einbildung sein könnte.
Der Saum des roten Kleides streicht über ihre Knie. Das Kleid, dass er mal so gerne hatte.
Sie stellt die Tasse ab, lehnt sich gegen die Wand und schließt die Augen.
Die Stimmen und Geräusche des Café verstummen.
Eigentlich hat Maddie keine Ahnung, warum sie hier noch sitzt. Warum sie auf eine Zukunft wartet, die nicht kommen wird. Und warum sie es trotzdem tut.
Dumpf dringt das kleine Glöckchen über der Tür in ihre Gedanken.
„…das Wetter ist ja fürchterlich…hoffe du hast einen Schirm…Hallo? Maddie?“
Sie öffnet die Augen und fängt den Blick ihrer Freundin Sophia auf.
Sophia, die immer alles ausspricht, auch wenn man es nicht hören will.
Sophia, die letztes Jahr weggezogen ist und der sie in wenigen Wochen folgen wird.
Weil es Zeit wird, fremde Wege zu gehen, auch wenn man keine Ahnung hat, wohin sie führen.
Das Leben hat nicht immer sofort die Antworten parat, die man gerne hätte. Manchmal dauert es, bevor man das Ziel in all dem Nebel überhaupt sehen kann.
„Maddie, was ist los? Freust du dich nicht?“
Auf den Umzug, die neue Welt, eine unbekannte Zukunft, welche die Gegenwart ablösen soll.
„Natürlich. Ich dachte nur…die Zeit würde mich nicht so schnell einholen.“
Das Landmädchen zieht in die Stadt. Dahin, wo alle sie immer schon gesehen haben.
Aber es gab kein Zurück mehr, die Kisten waren gepackt und ihr ganzes Leben stapelte sich in ein paar Kartons.
Sophia findet sich irgendwann in dem Strudel ihrer eigenen Worte wieder, dem Maddie irgendwann nicht mehr folgen kann. Aber das war nie ein Problem gewesen. Sophia selbst ist ihr bestes Publikum.
Maddie stellt ihre Handtasche auf den Schoß, zieht das Notizbuch mit dem schwarzen Einband heraus und legt es zwischen sich und Sophia auf den Tisch.
Ihrer Freundin bleiben die Sätze im Hals stecken und sie starrt Maddie an.
„Sind sie das?“, fragt sie leise, flüstert beinahe.
Maddie nickt nur und senkt den Blick. Diese hier sind neu, bisher hat niemand sie gesehen.
Ihre Schultern spannen sich an, in ihrem Magen liegt plötzlich dieses Stein aus Angst und Vorfreude.
Was, wenn sie nicht gut sind?
Sophia schlägt das Notizbuch auf, einzelne Blätter kommen ihr entgegen.
Und Maddie kann nicht mehr atmen. Das ist alles, was sie kann, was sie hat. Jetzt liegt es in Sophias Händen.
Hat die Welt aufgehört sich zu drehen? Denn Sophia verbringt kaum eine Minute, ohne zu reden.
Doch die Stille, die sich gerade über sie gelegt hat, ist erdrückend.
„Wunderschön.“ Ein Wort, das so viel mehr bedeutet, als es zu erkennen gibt. „Maddie, die sind einfach umwerfend.“
Erleichterung entkommt mit dem ersten Seufzer. Maddie sieht Sophia genau an, kann aber keine der Lügen erkennen, die sie all den Fremden in der Stadt erzählt.
„Zeig sie ihnen, bitte. Wenn du es nicht tust, mach ich es. Du bist so talentiert, das solltest du nicht immer verstecken.“
Maddie schüttelt den Kopf. „Ich weiß nicht, vielleicht. Wir werden sehen.“
Sie greift über den Tisch, berührt das Papier und beißt sich auf die Lippe. Ja, vielleicht irgendwann.
Sophia zieht ihr das Notizbuch weg. „Nein, nicht vielleicht.“
„Gib mir das Buch, Sophia. Das ist immer noch meine Entscheidung.“
Aber Sophia wäre nicht Sophia, wenn sie einmal tun würde, was man ihr sagt.
Maddie greift danach, verdreht sich beinahe den Arm, doch bekommt es nicht zu fassen.
Denn in diesem Moment rutscht Sophia das Notizbuch aus der Hand.
Sie fallen alle irgendwann. Und man sieht ihnen dabei zu.
Die Blätter auf der Straße und die Blätter aus ihrem Notizbuch. Sie verfangen sich im Luftzug der Klimaanlage und flattern durch das Café.
Mit verfärbten Wangen stürzt Maddie auf die Knie, sammelt die Blätter auf.
„Sind das deine?“, fragt diese unbekannte Stimme, während sie über den Boden kriecht.
„J…ja. Tut mir leid.“
Sie steht auf, zupft ihr Kleid zurecht und nimmt die restlichen Blätter entgegen, die man ihr hinhält.
„Die sind wirklich schön. Da muss ich deiner Freundin rechtgeben.“
Braune Augen nehmen sie gefangen, lassen den Raum erstarren.
Er hat sie gesehen, schießt es Maddie durch den Kopf. Dieser fremde Mann mit den freundlichen Augen.
„Du solltest dein Talent nicht verstecken.“
Und zum ersten Mal, glaubt sie jemanden.
Denn er ist ein Junge ohne Name, warum sollte er wegen ein paar gefallenen Blättern lügen?


Meine Woche trug eine Mischung aus Verleumdung und Drama, irgendwo, mittendrin, war für einen Moment auch Akzeptanz, die aber gleich wieder verschwand. Gedanken schwammen durch die Luft, mein Kopf war voll. Zu voll, um Geschichten zu schreiben. Deshalb setze ich die 7 Tage 7 Stories-Challenge heute fort, mit dem Thema vom Donnerstag: Blätter. Hier findet ihr Julies Beitrag dazu. Es tut mir leid, dass ich nicht die Stärke hatte, euch durch eine Woche voller Kurzgeschichten zu führen. Ich kann mir nur wünschen, dass ihr sie trotzdem voller Freude lesen werdet.

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1 Kommentar

  1. 16. September 2017 / 19:18

    Was für eine wunderschöne Geschichte. 🙂
    Ich finde diese Beitragsserie ist etwas ganz besonderes und ich hoffe es kommt noch ganz viel in der Art. 🙂 Liebe Kat, ich weiß du hörst das bestimmt unheimlich oft, aber du musst unbedingt ein Buch schreiben!!!!
    Liebste Grüße und ein schönes Wochenende!
    Tamara
    http://www.fashionladyloves.com

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