Sweatpants Love

Sweatpants Love

Der Tag beginnt so früh, dass ich meinen natürlichen Schlafrhythmus dafür verfluche, dass er mich wie ein Schweizer Uhrwerk täglich zur gleichen Zeit aufwachen lässt. Es ist Samstag, ich habe frei und wollte mir ein erholsames Bad zwischen Federn und Stoff gönnen. Aber das innerliche Ticken hat mich aufgeschreckt und der Blick auf die Uhr verrät, dass es erst sieben Uhr morgens ist. Welch‘ unchristliche Stunde für einen Wochenendmorgen.  Doch es hilft nichts, der Sandmann hat bereits Feierabend und die kläglichen Versuche mich wieder hinzulegen scheitern kläglich und enden in einer wilden Rauferei mit der Matratze. Es grenzt an ein Wunder, dass meine Schwester nicht die Alarmzentrale für Zombienotfälle kontaktiert, als ich mit Strubbelfrisur und Augenringen bis zu den Knien an ihr vorbei schlürfe. Meine Motivation ist wohl mit dem Sandmann durchgebrannt und als ich meinen imaginären Tagesplan durchgehe, würde ich mich ihnen am liebsten anschließen und das Weite suchen. Lernen, danach kurz Atmen, wieder Lernen. Es hat keinen Sinn mich anzuziehen oder gar zu schminken. Wer würde mich, eingeigelt in meinem Bett, versteckt zwischen Englischbüchern und Chipskrümel schon sehen? Als ich mein Spiegelbild betrachte, seufze ich theatralisch und rufe meiner Schwester zu: „Warum hast du mich denn nicht vorgewarnt?“ Eine Antwort erhalte ich darauf nie. Die kurze Pyjamahose kräuselt sich an den Enden und ich muss mir eingestehen, dass ich nicht den ganzen Tag so rumlaufen kann. Nicht einmal bei einer ausgedehnten Lerneinheit. Die Diva in mir sträubt sich vehement und versucht mich in ein schönes Sommerkleid zu quetschen. Auf gar keinen Fall. Die Wahl fällt mir schließlich eben so leicht wie sie offensichtlich ist. Um nicht den Eindruck zu erwecken ich würde ohne fließend Wasser in einem verlassenen Tunnel wohnen, ziehe ich mir meine liebste Jogginghose über die Beine, knote die Haare zu einem adretten Dutt und trage dazu ein bequemes Shirt. Wenn ich mich schon im Notizenwald verstecken und lernen muss, dann zumindest mit Stil.

Wenn man während der Arbeit ständig den Bauch zurück in die Jeans drücken muss, ist man an freien Tag froh, wenn man ihn einfach unter bequemen Stoff unterbringen kann. Ich persönlich war nie ein Fan von Jogginghosen und verstand die Mädchen in meiner Klasse nicht, die damit zur Schule kamen. Weite, unförmige Stoffhosen, die einem die Figur ruinieren und man aussieht, wie frisch aus dem Bett gekrochen. Erst nachdem mir eine Arbeitskollegin eine ziemlich coole Joggerkombi präsentierte, wurde ich nachdenklich. Es muss nicht immer Pennerlook sein, wenn man es mal bequem haben möchte. Ich setze auf den Überraschungsmoment. Die Generalprobe folgte, als ich um vier Uhr morgens am Flughafen saß und mich darüber wunderte, warum manche sich so für einen simplen Flug stylten. Modelattitüden als Ausrede ließ ich schlichtweg nicht gelten. Trotzdem kam ich mir neben all den Einhörnern einfach farblos und schmuddelig vor. Ich tauschte meinen Pulli und das strähnige Haare also gegen eine schicke, weiße Bluse mit schwarzer Schleife und einen geflochtenen Zopf. Sofort sah ich mich auf der Attraktivitätsskale ein paar Stufen höher. Als Model würde ich zwar immer noch nicht durchgehen, aber dafür müsste ich auch auf die Schnell fünfzehn Zentimeter wachsen, wofür mir das magische Talent fehlt.

Sweatpants sind wahre Chameleons, wenn man ihre Wandelbarkeit genauer betrachtet. Meinen veralteten Irrglaube, man würde mit Jogginghose sofort schluderig aussehen, habe ich mittlerweile eingestampft. Erst gestern war ich damit sogar einkaufen und habe, dank schicker Jacke und Glitzertop, keinen einzigen schiefen Blick geerntet. Kein Kleidungsstück ist dafür gemacht in einer Gedankenschublade zu landen. Es kommt nur darauf, wie man es trägt. Und den nächsten Flug bestreite ich sicher wieder mit meiner guten Freundin Frau Jogginghose. Dann vielleicht mit Blazer.

Eure Kat.

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2 Kommentare

  1. 9. Juni 2016 / 20:42

    Oh ich bin auch super verliebt in Sweatpants. Fuck Karl Lagerfeld, ich finde gar nicht das man die Kontrolle über sein Leben verloren hat wenn man es bequem mag 😛

    Ich mag btw deinen Schreibstil unheimlich gerne!

    Love, Kerstin
    http://www.missgetaway.com/

    • 10. Juni 2016 / 6:22

      Ich mag sie auch. Früher kam ich mit damit total verpennt vor aber jetzt, bei allen den
      verschiedenen Schnitten und Stoffe gibt es immer ein Exemplar, das mich anspricht. 🙂
      Du sagst es. 😀 ich finde sogar, dass man sein Leben erst im Griff hat, wenn man gerne Jogginghosen trägt.
      Denn dann ist man dermaßen ausgeglichen, dass man sich gar keine Sorgen um irgendetwas machen kann. 😉

      Dankeschön, freut mich sehr! Kann ich bei dieser Gelegenheit gleich zurückgeben. 🙂
      Liebste Grüße, Kat

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