Saying Goodbye

Saying Goodbye

An der Decke hängen Plastikvögel in Blau. Wer weiß, ob sie den Menschen je auffallen.
Den Menschen, die in Eile sind, die sich nicht um die Decke mit den hohen Fenstern kümmern, sondern um den Boden.
Mir fallen sie auf, weil ich mich an ihren Anblick klammere und hoffe, dass meine Angst, mit ihnen wegfliegen wird.
Meine Hände zittern und ich sinke zurück, mein Rücken drückt gegen die weiche Lehne.
Gedanken rasen durch meinen Kopf, der gleichzeitig so schrecklich leer ist.
Warum mache ich das eigentlich?
Ich komme mir vor, als wäre das nicht mein Körper. Als würde ich zwischen Zweifeln und Tränen irgendwo feststecken.
Alle sagen immer, man solle Risiken eingehen, etwas wagen. Dem Alltag den Rücken kehren und in neuen Abenteuern leben. Aber niemand spricht von der Angst, die dich befällt, sobald der Tag des Aufbruchs gekommen ist. Niemand erzählt von den bitteren Tränen, die man geweint hat, weil man diesen geliebten Menschen einfach nicht hinter sich lassen kann.
Abenteuer sind gut, schön, bereichern das Leben. Doch wie viel Mut es eigentlich kostet, diese wage Idee auch umzusetzen, das verschweigen dir alle.
Kalte Finger graben sich in den weichen Stoff der Jogginghose, der kleine Koffer kippt um, als ich ihn mit dem Fuß anstupse.
Schnell stehe ich auf, werfe ihm ein entschuldigendes Lächeln zu und flüchte auf die Toilette. Sekunden verstreichen, jede entreißt sich mir schneller. Ich beeile mich mit dem Hände waschen, denn ich möchte die letzten Minuten bei ihm sein. Doch egal wie viele Minuten ich mir nehme, sie laufen mir alle durch die Finger. Es werden nie genug sein.
Wer hätte gedacht, dass Tage so schnell vergehen können und Wochen sich nach Nichts anfühlen. Als ich die Entscheidung getroffen habe, war mir nicht bewusst, dass ich tatsächlich alleine in ein Flugzeug steigen muss, ohne zu ahnen, was mich erwartet.
Ich weiß es immer noch nicht. Alles ist so ungewiss und verschwommen.
Dieses Mal habe ich keine Pläne, ich saß nicht Stunden am Laptop und suchte mir Routen aus, die ich gehen würde oder Sehenswürdigkeiten, die mich zu einem Besuch drängten. Ich kenne das alles schon und wollte es dieses Mal anders machen. Also habe ich nichts geplant, nichts aufgeschrieben und nun sitze ich hier und warte.
Ich muss an meine Mama denken, wie sie vor Freude geweint hat, weil ich diese Reise antreten kann, weil ich einen Traum zur Realität übergeben kann. An meine Schwester, die mich zum Bahnhof brachte und mir verboten hat zu weinen. An meinen Papa, der mir am Telefon einen guten Flug wünschte, weil er unterwegs war.
Sie alle freuen sich, dass ich in die Welt ziehen darf, ohne viel darüber nachdenken zu müssen. Warum liegt in meinem Magen dann diese Kiste voller Steine, wenn es doch eine so gute Sache ist?


Saying Goodbye is never easy but always necessary.


Er hält jetzt meine Hand und streicht mit dem Finger über die dünne Haut.
“Alles okay?” Die Frage ist  nur noch eine Floskel. Er weiß, dass ich innerlich verbrenne und kein Wasser finden kann.
Aber er fragt, um mich abzulenken. Erzählt schlechte Witze, damit ich meine Angst vergesse.
Ich möchte mich nicht von ihm verabschieden. Ein Monat vergeht schnell, so sagt man.
Ich fühle mich nicht bereit, diesen Schritt zu gehen. Diese neue Erfahrung zu machen, die ganz anders ist, als das Leben, das ich kenne.
Und trotzdem umarme ich ihn zum letzten Mal, weine in sein T-Shirt und drehe mich schweren Herzens um. Einmal, zweimal, sehe ich zurück, winke ihm zum Abschied und versuche das klägliche Schluchzen zu unterdrücken. Es geht nicht.
Was mache ich hier eigentlich? Warum gehe ich, wenn ich doch so dringend bleiben will?
Weil es genau das Richtige ist. Weil ich diesen Schritt gehen muss, um nicht stehen zu bleiben. Vor allem aber, weil ich es immer bereuen würde, wenn ich es nicht tue.

Wir bereuen nicht die Dinge, die wir getan haben, sondern die Dinge, die wir nicht getan haben.

Follow:

6 Kommentare

  1. 26. Juli 2017 / 12:11

    Liebe Kat,
    ich finde es sehr mutig von dir ganz alleine für einen Monat nach London zu fliegen. Ich weiß nicht, ob ich mich das trauen würde. Ich wünsche dir, dass du die Zeit genießen kannst und nicht allzu großes Heimweh bekommst. Ein Monat geht wirklich schnell rum, wenn man es nicht möchte 😀
    Liebe Grüße,
    Leni 🙂
    http://www.sinnessuche.de

    • 27. Juli 2017 / 13:52

      Danke für die lieben Worte, Leni 🙂
      Ich hoffe, ich lebe mich schnell und gut ein.

      Kat <3

  2. 26. Juli 2017 / 16:05

    Wow, Hut ab, liebe Kat. Für die Entscheidung, für das MACHEN und für den Text. Ganz toll geschrieben 🙂
    Und sei stolz auf dich für diese Entscheidung. Du wirst es mit Sicherheit nicht bereuen, auch wenn die ersten Tage vielleicht nicht ganz so einfach werden. Du wirst dran wachsen. Lass es zu und genieß es, diese Zeit mit dir und deiner Lieblingsstadt kann dir keiner nehmen!
    Viel Spaß und viele tolle, unvergessliche Erlebnisse! Bin gespannt, an welchen du uns teilhaben lassen wirst 🙂
    Kathrin

    • 27. Juli 2017 / 13:51

      Danke liebe Kathrin. 🙂 Das freut mich unglaublich zu hören.
      Zurzeit bin ich noch etwas holprig auf den Beinen, aber das ändert sich mit der Zeit bestimmt schnell.

      Danke für dein tolles Kommentar.
      Kat <3

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.