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Als ich anfing in Filtern zu denken | A Filter Story

Da sind wieder diese Sterne, die fröhlich vor meinen Augen tanzen. Wie viel Zeit ist vergangen? Ist derweilen die Welt im Boden versunken oder hat sich gar nichts verändert? Das Gefühl für die tickenden Minuten ist mir abhandengekommen. Die letzten Momente saß ich vor meinem Handy, erstarrt und eingefroren, als hätte ich vergessen, wie man sich bewegt. Mein Finger strich dutzende Male über das Display, Screenshots füllen jetzt meine Galerie und die verschiedenen Filter brannten sich in meine Gedanken. Welcher sieht besser aus, was ist schöner? Bild 1 oder Bild 2?
Meine Schwester sieht keinen Unterschied, mein Kopf weigert sich das zu glauben.
Nach gut einer Stunde habe ich sieben Bilder fertig bearbeitet. Das Ergebnis gefällt mir, die Fotos passen zueinander und scheinen sich perfekt zu ergänzen. Ich bin zufrieden, lege das Handy weg und widme mich wieder dem Fernseher. Wie automatisch greifen meine Hände erneut nach dem Telefon, das gerade noch friedlich auf der Decke lag. Hm, vielleicht doch lieber ein anderer Filter. Kann ja nicht schaden es mal auszuprobieren. Dieser Wimpernschlag der Schwäche reicht, um eine weitere Stunde in den Sand zu setzen. Den Filter habe ich währenddessen vier Mal geändert.

Ich wollte die Wand weißer machen – mit meinem Finger.

Es fiel mir zum ersten Mal im Mathekurs auf. Eigentlich sollte man sich auf Formeln konzentrieren und Funktionen zeichnen. Doch die Wand vor mir zog an meiner Aufmerksamkeit. Ein verwaschenes Gelb, ein gräulicher Schleier ruht auf dem Mauerwerk. Und plötzlich hebe ich die Hand und wische mit dem Finger durch die Luft. Meine Mundwinkel sinken. Habe ich gerade versucht die Wand mithilfe eines imaginären Facetunes weißer zu machen? Verwirrt sehe ich mich um, auch mit der Hoffnung, dass niemandem meine Geste aufgefallen ist. Instagram hat sich in mein Leben gefressen, mehr, als ich gedacht hatte.

Instagram Madness | Filter

Seitdem dreht sich alles um Filter, Bearbeitung und Licht. Ich stelle mir Szenen aus meinem Leben mit Filtern vor, versuche manchmal die Blumen im Garten in der Sättigung zu schwächen oder mein Outfit stellenweise heller zu machen. Wände kommen mir beinahe krankhaft schmutzig vor, irgendwie ist nichts wirklich Weiß, außer Facetune hatte seine Finger im Spiel. Mir wird klar, dass ich süchtig bin. Nachrichten fliegen durch die Welt, in denen ich befreundete Blogger mit hübschen Feed frage, wie sie denn ihre Bilder bearbeiten. Ich schaue fünf Videos, lese sechs Tutorials und versuche sieben neue Wege. Aber nichts passt, nichts gefällt. Sobald das Bild hochgeladen ist, sieht es grässlich aus und scheint mich zu verhöhnen. Ich sehe andere Accounts und bin begeistert, dann meinen eigenen und könnte heulen. Wie machen sie das? Warum kann ich das nicht?

Stopp.

Ich lehne mich gegen die Wand. Atme die frische Luft ein, die durch das offene Fenster klettert und gebe das Handy aus der Hand. Schluss mit Filtern, weg mit den Tools. Ich wollte eine Wand mit meinem Finger weißer machen und meine Schuhe dunkler. Irgendetwas läuft hier schrecklich falsch. Denn Instagram hat aufgehört Spaß zu machen. Es ist ein täglicher Kampf, eine Probe meiner Geduld. Alles dreht sich nur noch um Bearbeitungen und Likes. Wie viele pro Minute, oder am ganzen Tag. Egal was auf dem Bild drauf ist, Hauptsache es ist weiß und sieht nett aus. Aber Instagram ist nicht alles. Es ist nicht mein Blog, der eigentlich im Fokus stehen sollte. Wir schenken dieser App so viel Zeit, die wir in nützliche und gute Inhalte verwandeln könnten. Also Schluss mit dem endlosen Bearbeiten, denn da bleibt die Freude auf der Strecke. Wenn ein Bild mal weniger Likes hat, who cares. Wenn Follower abhauen, na und? Waren wahrscheinlich ohnehin zur Hälfte Fakes. Teilt Gedanken, freut euch über schöne Bilder aber eifert nicht (wie ich) krankhaft dem perfekten Feed nach. Es gibt ihn nicht. Und was ist letztendlich wichtiger: Ein weißer, cleaner Feed, den man aber eigentlich gar nicht mag oder spannende Beiträge die Leser anziehen? Also mir fällt die Entscheidung da nicht schwer.

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6 Comments

  • Reply
    Carina
    19. Mai 2017 at 11:25

    Ach, liebe Kat.
    Ich kann dich gut verstehen. Ich habe mir, bevor ich mit meinen Blogg angefangen habe, vorgenommen: „Mich lassen wenige Likes oder Kommentare kalt. Ich mache es nur für mich selbst.“
    Immer lässt sich das nicht bewerkstelligen, aber wenn jeder für sich es trotzdem irgendwann merkt, dass es zu viel Zeit kostet, dann ist alles in Ordnung.

    Danke für deinen Post, er hat mir nen Lächeln ins Gesicht gezaubert.

    Liebe Grüße,
    Carina.

  • Reply
    Claudia
    19. Mai 2017 at 11:30

    Liebe Kat,

    zum Glück sehe ich das mit Instagram ganz entspannt. Seit ich ein neues Handy habe, gehen die meisten Bilder einfach ohne Filter online, weil ich mit denen zufrieden bin. Manchmal packe ich einen drüber, aber ganz entspannt, und ich bearbeite auch nicht lange nach. Soll ja, wie Du auch schreibst, Spaß machen :-). Manche Dinge funktionieren prima bei Instagram, andere besser im Blog. Sie gehören bei mir zwar irgendwie zusammen, sind zugleich aber auch eigenständig, und bei keinem von beidem mache ich mir Stress. Immer, wenn ich das mache, geht nämlich irgendwann die Lust flöten. So ging es mir etwa bei meinem Buchblog, den ich inzwischen radikal gekillt habe. Ich muss zufrieden sein, mir muss es gefallen, und dann gefällt es vielleicht auch anderen :-). Und wenn nicht, auch okay, weil wenn es nicht um Zahlen geht, dann ist es nicht so schlimm, wenn es nicht jeder toll findet.

    Liebe Grüße

    Claudia

  • Reply
    FAIRY TALE GONE REALISTIC
    19. Mai 2017 at 12:35

    Ja, ich kann dich gut verstehen. Ich denke, als Blogger hat man immer mal wieder Phasen, in denen alle Gedanken um Instagram kreisen… ich persönlich finde es schade, dass Insta mittlerweile einen so großen Stellenwert einnimmt, denn auf dem eigenen Blog kann man sich einfach besser entfalten…
    Liebe Grüße
    Susi

    • Reply
      Kat
      22. Mai 2017 at 11:25

      Das freut mich zu hören, Susi. 🙂
      Ja manchmal verliert man aus den Augen, was eigentlich wichtig ist. 🙂

  • Reply
    Alexandra Lemburg
    21. Mai 2017 at 19:45

    Ich kann es sehr gut nachvollziehen! Ich habe zwar noch nie versucht eine Wand mit meinem Finger weißer zu machen, aber auch ich denke ständig „Das wäre eine tolle Location“ oder „Hier muss ich auf jeden Fall das Grün entsättigen“. Ich denke es ist wichtig eine Balance zu finden.
    Übrigens gibt es bei mir momentan ein professionelles Fotoshooting und andere tolle Preise zu gewinnen, da mein Blog heute ein Jahr alt geworden ist. 🙂 Ich lasse dir mal den Link da, falls du teilnehmen möchtest. 🙂
    https://livinglikegolightly.com/2017/05/21/win-1-year-livinglikegolightly-giveaway/
    Liebste Grüße
    Alexandra

    • Reply
      Kat
      22. Mai 2017 at 11:23

      Ja das kenne ich zu gut. 🙂 Wir haben wolle alle diese Phasen, die einfach zu viel abverlangen. 🙂
      Danke für den Link, freut mich. 🙂

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